„Mit der Flut“

von Agnes Krup

Erschienen am 02. Oktober 2017 (Gebundene Ausgabe) und am 01. März 2019 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3492058421 (Gebundene Ausgabe) und 978-3492314091 (Taschenbuch)
https://www.piper.de/buecher/mit-der-flut-isbn-978-3-492-31409-1

Das Buch „Mit der Flut“ von Agnes Krup erzählt die Geschichte des jungen Paul, der in den 1920er mutterseelenallein von Hamburg nach New York auswandert und mit großem Ehrgeiz versucht, dort sein eigenes Leben aufzubauen.

Coverrechte: Piper Verlag

Zum Inhalt:
Paul Benitt, ein junger und abenteuerlustiger Mann, wächst in beengten Familienverhältnissen in Finkenwerder bei Hamburg auf. Der elterliche Obsthof wird an seinen älteren Bruder Hein gehen, der andere Bruder Johann ist Lehrer. Somit haben seine Brüder ihren Platz im Leben gefunden. Paul beginnt eine Tischlerlehre. Schon früh merkt er, dass er nach dieser Lehre Finkenwerder verlassen möchte, um sich, fernab der Familie, ein eigenes Leben aufzubauen.
Ein paar Jahre später fährt er als Blinder Passagier Richtung New York, macht aber auf dem Schiff erste Erfahrungen in Sachen Medizin. Ein Wunsch beginnt in ihm zu wachsen, der ihn noch Jahre beschäftigen wird.
In New York angekommen, ist er von der Größe der Stadt schier erschlagen, schafft es aber, Fuß zu fassen. Neben einem Job in einer Tischlerei bekommt er auch eine kleine Dachwohnung. Er lernt die junge Antonia, eine italienische Einwanderin, kennen und lieben. Aber Paul möchte sich nicht mit diesem einfachen Leben zufriedengeben – sein großer Traum ist ein Medizinstudium. Da es in den USA unbezahlbar ist, kehrt er auf Anraten seiner Mutter wieder nach Deutschland zurück. Antonia bleibt in New York, aber Paul will wieder schnellst möglichst zurück sein. Doch dann zieht der Zweite Weltkrieg über die Welt und macht die Pläne auf ein baldiges Wiedersehen zunichte.

Ich muss gestehen, dass dieses Buch an mir vorbeigegangen ist. Per Zufall sah ich auf Facebook eine Live-Lesung von Agnes Krup mit diesem Buch und war von der sehr atmosphärischen und dichten Sprache sehr beeindruckt. Auch die vorgelesenen Passagen machten mich sehr neugierig auf das Buch. Die Autorin bot mir an, mir ein Exemplar zukommen zu lassen.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Autorin Agnes Krup für die Zusendung des Buches. Ich habe mich wirklich so sehr gefreut.

Das Buch bietet einen schnellen Einstieg in die Handlung der Geschichte. Der Prolog beginnt im Jahr 1969 in New Paltz, in einer Zeit, in der Paul auf sein bisheriges Leben zurückschaut. In diesem Prolog lernte ich schon einige wichtige Personen kennen, deren Handlungen mich neugierig machten, wie es dazu kam und wer sie überhaupt genau sind.
Nach dem Prolog geht das Buch ins Jahr 1920 zurück, wir lernen zuerst den jungen Paul kennen, ein abenteuerlustiger und gewitzter Junge. Im Laufe der Handlung macht er eine eher negative Entwicklung durch. Anfangs ist er sehr ehrgeizig, wird dann aber immer rastloser dann aber auch doch sehr bequem und egoistisch. Er denkt sehr oft nur an sich selbst, kann aber trotzdem nicht alleine sein. Er braucht immer Menschen, vor allem Frauen, um sich.
Pauls Familie ist eher schwierig zu durchschauen, allen voran Pauls Mutter. Sie wirkt sehr abweisend und hart. Seit Paul dann in einer Nacht und Nebel-Aktion abgehauen ist, ist sie noch spröder und lässt viele Menschen nicht an sich und ihre Familie ran – den Verlust ihren Lieblingssohnes kann sie sich und den anderen Menschen um sich herum nicht verziehen. Sie zeigt aber auch, wie berechnend sie ist, ihr kann niemand etwas vor machen. Sie schießt klare Worte wie kleine Pfeile ab, ganz egal, wie verletzend sie auch sein mögen.
Die anderen Charaktere der Familie Benitt sind ebenfalls schwierige Kameraden. Sie lassen selten Gefühle zu, sind stark vom Krieg gebeutelt und müssen irgendwie überleben. Nicht leben sondern überleben. Vor allem die angeheirateten Frauen in der Familie müssen oft nur funktionieren.
Einzig Johann, der ältere Bruder von Paul, und Johanns Tochter Hella stechen aus diesen Charakteren mit ihren Gedanken und Handlungen hervor. Aber auch Pauls Verlobte Antonia bringt einige Sympathien mit sich und damit Farbe in den Alltag der Familie Benitt. Antonia muss im Laufe der Geschichte einiges durchmachen, hat ihr Herz aber am rechten Fleck, lässt sich aber auch etwas von Paul und seiner Familie ausnutzen. Antonias Familie scheint das komplette Gegenteil zu Pauls Familie: Hier wird miteinander über Gefühle und Befinden geredet. In Pauls Familie machen fast alle Familienmitglieder Probleme mit sich selbst aus, Verständnis für andere und gemeinsames Lachen gibt es wenig. Dieser Kontrast zwischen diesen zwei Familien hat Agnes Krup äußerst gut heraus gearbeitet. Enge, strenge und auch ärmliche Familienverhältnisse im Gegensatz zu liebevollen und geborgenen Familienverhältnissen. In diese Gegensätze gerät Antonia.
Auch Figuren, die sehr am Rande mitspielen, sind sehr lebendig gezeichnet. Immer wieder sprechen die Figuren Plattdeutsch, welches sehr authentisch wirkt und mich damit noch mehr in die Geschichte und den Handlungsort mit hinein nehmen konnte.
Dank der dichten, bildhaften und poetischen Sprache von Agnes Krup, auch in Form vieler Briefe, konnte ich mich ganz in die Geschichte fallen lassen und verspürte auf keiner Seite Langeweile. Teilweise beschäftigten mich die Figuren auch in meinen Träumen.
Am Ende des Buches sind wir dann wieder im Jahr 1969 in New Paltz.

Der geschichtliche Hintergrund ist vor allem die Zeit vor, während und nach des Zweiten Weltkrieges. Agnes Krup zeigt nicht, was alles in dieser Zeit an Weltgeschichte passierte, sie zeigt eher, was der Krieg mit den einzelnen Menschen gemacht hat. Wie sie versucht haben, mit einfachen Mitteln zu überleben und wie der Krieg ihr Leben verändert hat.
Die Emigration vieler Europäer in die verheißungsvollen USA macht auch ein großes Thema aus – auch wenn sich „Mit der Flut“ sehr positiv zu den typischen Auswandergeschichten abhebt. Paul kommt nicht in New York an und ihm fällt auch nicht alles in den Schoss – er muss für seinen Traum hart kämpfen und immer wieder zurückstecken, sogar wieder in seine alte Heimat zurückkehren. Es ist keine typische „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ – Geschichte. Das empfand ich als sehr authentisch.

Agnes Krup hat ein Buch geschrieben, welches ich im Kopf behalten werde. Tolle, lebensechte Charaktere, die es einem nicht immer leicht gemacht haben und ein fein recherchierter geschichtlicher Hintergrund. Dazu eine starke poetische und bildhafte Sprache – was will man als Leser mehr? Ich bin so froh, dass ich dieses Buch gelesen habe.

Fazit: Ein ganz starker, kraftvoller und poetischer Roman.

Anmerkung: Dieses Buch habe ich von der Autorin geschenkt bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.

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