„Fräulein Gold – Schatten und Licht“

von Anne Stern

eBook erschienen am 01.Juni 2020, das Paperback Taschenbuch erschien am 16.06.2020 im Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3499004278
https://www.rowohlt.de/buch/anne-stern-fraeulein-gold-schatten-und-licht.html

Das Buch „Fräulein Gold – Schatten und Licht“ von Anne Stern ist der packende Auftakt einer Trilogie um die Hebamme Hulda Gold, die im Berlin der 1920er Jahre auf der Suche nach sich selbst und einem Mörder ist.

Coverrechte: Rowohlt Verlag

Zum Inhalt:
Berlin, im Elendsviertel Bülowbogen, Ende Mai 1922: Ein Mord geschieht, doch die Polizei geht von einem tragischen Suizid der älteren Prostituierten Rita aus.
Doch die junge und engagierte Hebamme Hulda, die in diesem Elendsviertel einen guten Ruf hat, sieht das anders und stürzt sich in Nachforschungen um das Leben der „fixen Rita“. Sie findet schnell heraus, dass der leitende Kriminalkommissar Karl North etwas verheimlicht, gleichzeitig aber auch ein eher ungewöhnlich starkes Interesse an dem Fall zeigt.

Auf das Buch bin ich durch eine Ankündigung der Autorin auf ihrer Facebook-Seite aufmerksam geworden. Das Cover und die Zeit, in der das Buch spielt, weckten sofort mein Interesse. Berlin übt auf mich eine große Faszination aus, vor allem aber auch die 1920er Jahre in dieser Metropole. Eine Zeit, in der Glanz und Elend so nah beieinander lagen – die Goldenen Zwanziger.
Außerdem habe ich von Anne Stern schon die beiden Bücher „Die Frauen vom Karlsplatz – Auguste“ und „Das Lied der Seiltänzerin“ mit großer Begeisterung gelesen.
Als mich die Autorin fragte, ob sie mich auf eine Bloggerliste für ihren neuen Roman setzen darf, musste ich nicht lange überlegen.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Rowohlt Polaris Verlag für die Zusendung des Leseexemplars.

Von der ersten Seite an war ich in der Geschichte angekommen, die Spannung baute sich sehr schnell auf und ich wollte das Buch nur noch ungern aus der Hand legen.
Die Anzahl der Figuren ist überschaubar gehalten, was ich als äußerst positiv empfand. So konnte sich jeder Charakter gut entfalten und ich hatte das Gefühl, dass mir die Figuren nochmal viel näher kamen.
Hulda Gold, die Titelfigur, ist einer der interessantesten fiktiven Charaktere, die ich in meiner Leselaufbahn kennen lernen durfte. Sie ist einerseits von ihrer Arbeit in dem Elendsviertel Bülowbogen völlig ausgefüllt und hat dort ihre Bestimmung gefunden. Sie hadert aber immer wieder mit sich und ihrem privaten Leben. Sie hat ihren Weg im Leben noch nicht gefunden, wirkt wie ein kleines verlorenes Schifflein auf dem großen Meer. Da ist die selbstsichere Hebamme Hulda, die ängstliche Frauen ruhig und besonnen durch Geburten führt, aber da ist auch die Hulda, die sich im Berliner Nachtleben im Rauschzustand berauben lässt. Aber eines ist sie immer: Eine starke Frau, die für ihre Überzeugungen und gegen das Unrecht gegenüber anderen Menschen vorgeht. Leider vergisst sie sich dabei oft selbst. Hulda ist so lebensnah, so authentisch gezeichnet. Teilweise konnte ich mich selbst in ihr sehen. Sie ist so herrlich unperfekt.
Eine andere Figur ist der Kriminalkommissar Karl North. Anfangs noch sehr distanziert und in sich gekehrt, wird er durch seine tragische Geschichte immer lebendiger und greifbarer.
Am Rande agieren unter anderem Huldas Vermieterin Frau Wunderlich und der Kioskverkäufer Bert. Die Beiden sind Figuren, die man einfach von der ersten Seite an gerne hat. Ich hatte gleich ein Bild von Beiden im Kopf und hatte so eine Freude daran, immer wieder weiter über sie zu lesen. Huldas Ex-Freund Felix ist eine Figur, die viele Facetten aufweist. Ein zutiefst verunsicherter Mann, der mit Hulda abschließen will, es aber nicht wirklich kann.
Die Sprache von Anne Stern ist ein wahres Geschenk: Poetisch, kraftvoll aber auch sanft. Sie führt uns mit ihrer bildhaften Sprache das Elend in dieser Zeit genau so vor Augen, wie auch den Glanz dieser Zeit. Ich fühlte mich beim Lesen komplett in die 1920er Jahre zurückversetzt. Ich spürte die Musik in den Clubs und konnte mir alles bildlich vorstellen.

Den Hintergrund des Romans bilden die 1920er Jahre in Berlin. Der Erste Weltkrieg hat seine Spuren hinterlassen: Armut in vielen Vierteln und auch der Unglaube der Bevölkerung an die Demokratie und damit die Wut auf die noch junge Weimarer Republik bilden den Alltag vieler Menschen.
Die Menschen hatten große Hoffnungen, dass es in einer Demokratie nur besser werden kann, nun fühlen sich viele Menschen belogen und betrogen. Ganz deutlich wird der Zwist zwischen Aufbruchsstimmung und bitterer Armut dargestellt. Auch die aufstrebende organisierte Kriminalität spielt eine große Rolle.
Aber nicht nur in den Städten hat der Krieg seine grausamen Spuren hinterlassen: Auch an, teils sehr jungen, Männern, die als sogenannte „Kriegszitterer“ aus dem Krieg zurück kamen: Männer, die äußerlich unversehrt waren, innerlich aber nicht. Es hat mich zutiefst schockiert, wie die Gesellschaft auf diese Männer reagierte, vor allem aber wie Ärzte mit diesen Männern umgegangen sind.

Anne Stern hat mit dem Buch „Fräulein Gold – Schatten und Licht“ ein authentisches und starkes Buch mit vielschichtigen und spannenden Charakteren geschrieben. Eine lebensechte Hauptfigur vor einem fein recherchierten geschichtlichen Hintergrund – hier werden die Goldenen Zwanziger mit all ihren Facetten wieder lebendig. Ein fantastischer Auftakt.
Ich freue mich schon so sehr auf den zweiten Teil „Fräulein Gold – Scheunenkinder“, der im Oktober 2020 und auf den dritten Teil „Fräulein Gold – Der Himmel über der Stadt“, der im April 2021 erscheinen soll.

Fazit: Ein Buch mit Sogwirkung – man möchte es nicht mehr aus den Händen legen. Mein bisheriges Jahreshighlight. Lesenswert!

Anmerkung: Das Buch habe ich freundlicherweise vom Rowohlt Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst!


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