„Sommergäste“

von Agnes Krup

Erschienen am 02. Juni 2020 im Piper Verlag
ISBN: 978-3492059145
https://www.piper.de/buecher/sommergaeste-isbn-978-3-492-05914-5

Das Buch „Sommergäste“ von Agnes Krup erzählt die Geschichte zweier Frauen und eines Ornithologen und spielt von 1912 bis 1948, in Kanada, den USA, Europa und Afrika.

Coverrechte: Piper Verlag

Der Prolog des Buches setzt im Jahr 1925 an: Eine abgeschiedene Insel vor der kanadischen Atlantikküste – hier lernen wir den einheimischen Ornithologen Crawford Maker kennen.
Wenig später landen die Bildhauerin Ellen Sinclair und die Schriftstellerin Charlotte Overbeck auf der Insel – sie möchten ihr neues Sommerhaus auf der Insel einrichten um dort die zukünftigen Sommer zu verbringen.
Die Wege von Crawford, Ellen und Charlotte kreuzen sich noch am Hafen. Bei Ellen hinterlässt der von Crawford geschossene Albatros, den er bei sich trägt, großen Eindruck. Ellen und Crawford verabreden sich für den nächsten Tag, um den Vogel zu präparieren. Ellen erinnert sich zurück als sie als Bildhauerin erfolgreich war – was sie für Charlotte aufgegeben hat. In ihr erwacht die Sehnsucht, auch wieder ein eigenes Leben zu führen, ihre Träume zu leben. Immer wieder geht das Buch in die Vergangenheit zurück und zeigt, wie sich Ellen und Charlotte im Jahr 1912 kennengelernt haben und warum Ellen ihr Leben so verändert hat.
Der Albatros öffnet nun für alle drei eine ungeahnte Möglichkeit: Es geht auf eine Expedition nach Belgisch-Kongo, dort sollen sie für das Naturkundemuseum in Chicago einen äußerst seltenen afrikanischen Vogel finden. Diese Expedition entwickelt sich für Ellen zu einer Reise zu sich selbst und stellt sie vor eine Entscheidung.

Im März 2020 habe ich eine Online-Lesung von Agnes Krup auf Facebook verfolgt. Dort las sie zwar aus ihrem Debütroman „Mit der Flut“ (die Rezension findet ihr hier), aber sie erzählte auch von ihrem zweiten Roman „Sommergäste“. Mein Interesse war zusätzlich nach Lesens des Klappentextes geweckt, da ich die Zeit, in der das Buch spielt, sehr spannend finde und Vögel als sehr faszinierende Wesen empfinde . Die Autorin und ich kamen in Kontakt und sie bot mir an, dass mir der Verlag bei Erscheinen ein Exemplar des Romans zukommen lassen könnte.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Autorin und an den Piper Verlag für die Zusendung des Buches als Rezensionsexemplar.

Kann man eine Figur mögen, die am direkt am Anfang des Buches einen wunderschönen und majestätischen Vogel erschießt? Ich tat mir im Prolog echt schwer mit der Figur des Crawford Maker, da ich nicht verstehen konnte, warum er den Vogel erschießt. Das wird dann aber immer klarer und auch verständlicher – und ich konnte mich auf die Figur einlassen. Anfangs wirkte er sehr verschlossen, als er dann aber Ellen kennen lernt und ihr das Präparieren von Vögeln erklärt und damit auch etwas in Ellens Innerem weckt, wurde er mir sympathischer. Er ist ein Ornithologe, vor allem aber ist er ein Künstler.
Auch Ellen ist eine Künstlerin, eine begabte Bildhauerin, die aber für ihre Partnerin Charlotte ihr künstlerisches Leben aufgegeben hat. Charlotte ist eine preisgekrönte Schriftstellerin, die ohne Ellen im Chaos versinken würde. Ellen hat mit ihrer Familie gebrochen und ohne Charlotte nicht wüsste, wohin sie gehört. Ellen gehört zu Charlotte und Charlotte gehört zu Ellen. Doch in Ellen wachsen Zweifel: Sie arbeitet für Charlotte, tippt ihre Briefe, erledigt viele Arbeiten für sie im Hintergrund, wird aber gesellschaftlich nicht (mehr) wahrgenommen.
Die Reise ins ferne Belgisch-Kongo stellt die drei vor große Aufgaben und Entscheidungen. Hier wird Ellen, auch durch Impulse von Crawford, einiges klar, erkennt, was sie in ihrem Leben vermisst.
Agnes Krup hat sehr feine, authentische Charaktere geschaffen, die sich während der Geschichte wunderbar entwickeln. Vor allem Ellen zeigt eine große Entwicklung. Durch die Rückblenden erfährt der Leser immer, wie es zu dem kam, wie Charlotte und Ellen sich kennengelernt haben und warum es auch zu manchen Eifersüchteleien kommt.
Eine Figur, die mir, neben den Hauptfiguren, sehr im Gedächtnis bleiben wird, ist der junge Ronnie Beale. Er spielt zwar nur am Rande eine Rolle, bringt aber in die Geschichte nochmal so viel Leben. Seine erst kindliche Sicht auf die Dinge zauberte mir öfters ein Lächeln ins Gesicht. Später versucht er dann als Jugendlicher seinen Weg im Leben zu finden.
Alles in allem ist die Anzahl der Figuren sehr überschaubar gehalten, was ich als sehr angenehm empfand, da sich die Figuren so gut entfalten konnten und man ihnen gut folgen konnte.

Ein großes Thema ist das Verhältnis von Charlotte und Ellen: Wie sehr sich Ellen eigentlich verbiegt, was sie alles für diese Freundschaft aufgibt – es aber immer wieder versucht, vor anderen, aber auch vor sich selbst zu rechtfertigen. Stellenweise tat mir Ellen einfach so leid, da sie zu sich selbst nicht mehr ehrlich war, sich selbst vergessen hat. Aber: Hatte sie eigentlich eine andere Möglichkeit? Charlotte und Ellen verbindet etwas, sie sind eigentlich eine gute Lebensgemeinschaft. Oft hatte ich aber das Gefühl, dass Ellen viel mehr in diese Beziehung gibt, als Charlotte. Eine Szene ist mir besonders im Kopf geblieben: Ellen schlich sich schon fast heimlich zu Crawford Maker und traut sich auch nicht, Charlotte von ihren Erlebnissen und Eindrücken bei ihm zu berichten. Aus Angst, Charlotte zu verärgern, sie vielleicht auch zu verlieren?
Das Buch zeigt aber auch das Verhältnis der Menschen zur Natur, wie der Mensch die Natur erforschen wollte und der Entdeckergeist geweckt wurde. Einerseits wurde die Natur entdeckt, ganz oft wurde aber auch deutlich, wie wenig der Mensch sich aus Tieren machte, z.B. bei der Jagd nach Wildtieren in Afrika. Hier zählte das tote Tier als Trophäe.
Die Präparation der Vögel wird sehr detailliert beschrieben – hier merkt man, wie viel, und wie gut Agnes Krup für ihren Roman recherchiert hat.

Den Hintergrund des Buches bilden die Jahre von 1912 bis 1948: Eine Zeit, in der zwei Weltkriege stattfanden, die die Welt sich komplett veränderten.
Aber auch der Kolonialismus in Afrika ist ein Thema, welchem sich die Autorin annimmt. Es wird deutlich, wie sehr sich dieser Kontinent mit dem Kolonialismus verändert hat.
„Sommergäste“ erzählt keine große Weltgeschichte, sondern die Geschichte der Menschen. Ähnlich wie bei „Mit der Flut“ zeigt uns die Autorin mehr, wie die Menschen damals ihre Welt wahrgenommen haben, wie sie gelebt haben, was sie gedacht, wie sie gefühlt und geliebt haben.
Der Roman ist angelehnt an die Biographien der Schriftstellerin Willa Cather und des Ornithologen Allan Moses.

Die Sprache in dem Buch ist sehr einfühlsam, detailliert und bildhaft. Ich konnte mir die Handlungsorte immer wunderbar vorstellen: Auf der abgelegenen Insel vor Kanada spürte ich das raue Seeklima und bei der Expedition nach Belgisch-Kongo die andere Kultur und die große Hitze.

Agnes Krup hat mit „Sommergäste“ ein Buch geschrieben, welches mich restlos begeistert hat. 36 Jahre umfasst die Handlung und führt uns zu vielen verschiedenen Schauplätzen. Mit einer wunderbar bildhaften Sprache ist das Buch eine Kleinod an Gefühlen und fantastischen Eindrücken. Viele Details zum Thema Präparation von Tieren runden das Buch perfekt ab.
Ich habe mich bestens unterhalten gefühlt und kann euch dieses Buch nur empfehlen.

Fazit: Ein fantastischer, bildgewaltiger Roman, der im Gedächtnis bleiben wird.

Anmerkung: Ich habe das Buch freundlicherweise vom Piper Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.


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