„Glückskinder“

von Teresa Simon

Erschienen am 08.Februar 2021 im Heyne-Verlag
ISBN: 978-3-453-42406-7
https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Glueckskinder/Teresa-Simon/Heyne/e564766.rhd

Hinweise:
– Das Buch habe ich als kostenloses Rezensionsexemplar vom Heyne-Verlag erhalten. Ich habe für diese Rezension keinerlei finanzielle Gegenleistungen seitens des Verlages oder der Autorin bekommen. Diese Rezension spiegelt mein persönliches Lese-Empfinden wieder.
– Alle angeführten Zitate beziehen sich auf die Seitenzahn der gedruckten Ausgabe

Das Buch „Glückskinder“ von Teresa Simon erzählt die Geschichte zweier Frauen, die in München nach Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen Trümmern und großen Entbehrungen einen Neuanfang suchen.

Coverrechte: Heyne-Verlag

Der Prolog des Buches setzt in Haarlem (Niederlande) im Oktober 1942 an: Eine junge Frau, sie ist Jüdin, muss sich auf dem Dachboden vor den Nazis verstecken. Eine Frau, deren Namen sie nicht kennt, bietet ihr Schutz – doch diese Frau ist kurze Zeit später tot.
Zweieinhalb Jahre später, im April 1945, befindet sich die junge Frau mit dem Namen Griet auf einem Gewaltmarsch vom KZ Giesing in Richtung Wolfratshausen. Sie hat eine schreckliche Zeit hinter sich und ist am Ende ihrer Kräfte. Kurz darauf ist der Krieg zu Ende, Griet und die anderen Frauen werden von Angehörigen der US-Armee befreit. Griets Weg führt sie nach München. Doch große Teile dieser einst prächtigen Stadt liegen in Trümmern.
Währenddessen in München: Hier wohnt die junge Antonia, von allen Toni genannt, mit ihrer Schwester, Mutter, Tante und Cousin bei ihrer Großtante Vev. Die Wohnverhältnisse sind beengt, das Essen ist rar. Tonis Mutter bangt zudem um ihren Mann und ihren Sohn, die irgendwo im Krieg sind.
Als die US-Armee München befreit, dauert es nicht lange, bis die Wohnverhältnisse in der Wohnung noch beengter werden. Eine junge Frau wird bei ihnen einquartiert, Toni und ihre Familie sind voller Vorurteile. Aber auch die junge Frau kann und will ihren eigenwilligen Vermietern nicht trauen.

Teresa Simon ist das Pseudonym der erfolgreichen Autorin Brigitte Riebe. Ich lese, egal ob unter dem Namen Teresa Simon oder Brigitte Riebe, die Bücher der Autorin sehr gerne. Sie packt Geschichte in so wunderbare Romane und erschafft immer wieder wunderbare Figuren, die man so schnell nicht vergisst.
Bisher habe ich alle Bücher unter dem Namen Teresa Simon gelesen, daher wollte ich auch das neue Buch „Glückskinder“ unbedingt lesen.
An dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön an den Heyne-Verlag, die mir das Buch als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.
Dies ist das erste Buch von Teresa Simon, welches nicht auf zwei Zeitebenen spielt, sondern nur in der Vergangenheit. Anfangs war ich etwas skeptisch, ob mich das Buch genau so begeistern kann, wie die vorherigen Bücher. Ich liebe es sehr, wenn Vergangenheit und Gegenwart in Büchern aufeinandertreffen. Die Skepsis war aber schnell verflogen und ich kam direkt in der Geschichte an.

Griet, eine der Hauptfiguren in „Glückskinder“ ist ein zutiefst verletzter Charakter. Sie verbrachte Monate in Konzentrationslagern, wurde gedemütigt und nicht mehr als Mensch gesehen. All ihre Träume und Wünsche sind nicht mehr.

[…] ‚Wo waren ihre Hoffnungen und Träume? Wo war das Leben, das sie sich als Kind in den schönsten Farben ausgemalt hatte?‘ […]
(Seite 101, Zeilen 12-1)

Doch Griet gibt nicht auf. Auch wenn sie ein großes Geheimnis in sich trägt, kämpft sie sich durch, immer auf der Suche nach sich selbst, einem Neuanfang und ihrem persönlichen Glück. Sie ist in einem Land, deren Bewohner eigentlich ihre Feinde sind, die ihr alles genommen haben. Sie hegt gegen die Deutschen einen tiefen Groll, möchte das Land aber trotz allem erst mal nicht verlassen. Griet empfand ich einen sehr interessanten Charakter, da sie zwar schreckliches erlebt hat, ein großes Geheimnis mit sich führt, sich aber nie aufgibt.

Toni Brandl, ebenfalls eine junge Frau, ist Münchnerin mit Leib und Seele. Hier ist sie aufgewachsen, hat aber auch die Zerstörung ihrer geliebten Stadt miterlebt. Sie richtet sich ihr Leben zwischen Trümmern und Nahrungsmittelknappheit und dem erblühenden Schwarzmarkt ein. Ihr Beruf bei einem Verlag und ihre Familie geben ihr Halt und Zuversicht, auch wenn es in der Wohnung ihrer Großtante Vev sehr beengt ist. Doch als nach Ende des Krieges die junge Griet bei ihnen einquartiert wird, weiß Toni nicht recht, wie sie mit der jungen Frau umgehen soll. Sie und ihre Familie sind zersetzt von Vorurteilen gegenüber Griet. Dabei sind Toni und Griet, die grundverschieden sind, sich ähnlicher als sie sich anfangs zugestehen möchten.

[…] ‚ „Ihr Deutsche beklagt euch über kalte Wohnungen und zu wenig Essen. Was sollen erst die sagen, die ihr in euren KZs gequält und ermordet habt?“ Er räusperte sich. „Vergangenes kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Aber starten Sie wenigstens mit dem Ansatz einer Wiedergutmachung – hier in dieser Wohnung.“ ‚ […]
(S. 241, Z. 28- 30, S. 242 Z. 1-4)

Auch Toni hat mich mit ihrer Charaktertiefe sehr überzeugt, sie ist eine wahre Kämpferin, die ihre Träume und Ziele verfolgt und sich nicht unterkriegen lässt.
Neben Griet und Toni gibt es noch viele Figuren, die eine große Rolle in diesem Buch spielen:
Captain Walker, ein Angehöriger der US-Armee und ein herzensguter Charakter, der immer zur Stelle ist, wenn Hilfe benötigt wird.
Die Familie Brandl, mit Großtante Vev als Familienoberhaupt, Tonis Mutter Rosa, Bibi, Tonis jüngerer Schwester, Tante Annemie Lochner nebst Sohn Benno. Ein bunter Haufen Menschen, die notgedrungen zusammen leben und überleben müssen. Hierbei habe ich Großtante Vev ganz besonders ins Herz geschlossen. Sie ist noch immer respekteinflößend aber trotz Krieg und Zerstörung eine Dame geblieben. Sie ist der Fels in der Brandung für die Menschen um sie herum.
Jede Figur ist lebensecht und authentisch gezeichnet, sie haben alle ihre Eigenheiten und leben ihr Leben in einer schweren und entbehrungsreichen Zeit. Sie machen teilweise große Entwicklungen durch und verändern ihre Sicht- und Denkweisen. Man leidet mit den Figuren mit und sie kommen dem Leser mit ihren Geschichten sehr nah. Und eines treibt alle an: Die Hoffnung auf einen Neuanfang.
Tonis Freund Louis ist ein Charakter, der mir sehr viele Rätsel aufgab und durch das gesamte Buch hindurch schwer zu durchschauen ist. Er hat zudem etwas Geheimnisvolles an sich. Seine persönliche Geschichte ist aber auch äußerst spannend und tragisch, was ihm eine tiefe Charakterzeichnung gibt.
Es spielen noch einige Figuren mehr mit, auf die ich aber nicht näher eingehen möchte, da ich sonst zu viel von der Handlung vorwegnehme.

Die Sprache von Teresa Simon ist, wie auch in den vorherigen Büchern, lebendig und äußerst bildhaft. Sie konnte mich mit den Beschreibungen des zerbombten Münchens und dem Aufbau des Schwarzmarkts in die Handlung mitnehmen. Ich nahm das Buch immer wieder gerne in die Hand und konnte es dann nur schwer wieder zur Seite legen. Von der ersten Seite hat mich das Buch begeistert und ich wurde in die Zeit kurz vor Ende und nach Ende des Zweiten Weltkrieges gezogen.

Der geschichtliche Hintergrund bildet das Ende des Zeiten Weltkrieges mit dem Schwerpunkt München. Gut die Hälfte des Wohnungsbestandes dieser Stadt war vernichtet, die Nahrungsmittel knapp. Doch das Leben musste weitergehen und so entstand der Schwarzmarkt in der Münchener Möhlenstraße. Hier war alles Nötige zu bekommen war, teilweise auch im Tausch gegen andere Güter. Ich fand es sehr spannend zu erfahren, wie dieser Schwarzmarkt damals entstand und wie dort und mit was gehandelt wurde. Er war zwar illegal, wurde aber geduldet und sorgte für einen Großteil der Versorgung der Bevölkerung.
Grausam waren die Beschreibungen, wie es den Menschen in KZs erging und wie sie behandelt wurden. Sie wurden nicht mehr als Menschen gesehen.

Fazit: Das Buch „Glückskinder“ ist ein Buch, welches sehr authentisch die Nachkriegszeit beschreibt. Durch facettenreiche und lebensechte Charaktere bringt uns Teresa Simon die Nachkriegszeit näher und beschreibt sie eindrücklich. Es ist eine Geschichte die zeigt, wie wichtig es ist, Vorurteile zu überwinden und seine Träume und Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Unbedingt lesen!

Hinweis: Das Buch habe ich freundlicherweise vom Heyne-Verlag als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.


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