„Der Turm aus Licht“

von Astrid Fritz

Erschienen am 19.Mai 2020 im Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3499001192
https://www.rowohlt.de/taschenbuch/astrid-fritz-der-turm-aus-licht.html

Hinweis: Alle angeführten Zitate beziehen sich auf die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe.

Das Buch „Der Turm aus Licht“ von Astrid Fritz erstreckt sich über eine Zeitspanne von 60 Jahren und zeigt den Bau des Freiburger Münsters im 13. und 14. Jahrhundert.

Coverrechte: Rowohlt Verlag

Freiburg im Breisgau, im Jahre 1270: Gerhard von Straßburg kommt als neuer Baumeister in die Stadt. Sein großes Ziel ist es, den Bau des Freiburger Münsters voran zu bringen. Euphorisch, und mit viel Unterstützung des Neuen Rats beginnt er sein Werk. Doch nach dem Tod des alten Grafen Konrad I., der dem Bau und den Bürgern der Stadt wohlgesonnen war, wird mit der Herrschaft seines Sohnes Graf Egino II. alles schwieriger: Immer wieder facht er neue, kostspielige Kriege an, gegen den König aber auch gegen die Freiburger selbst.
Immer wieder müssen die Freiburger Räte, die Baumeister und die Bevölkerung für den Weiterbau kämpfen, das Leben von Baumeister Gerhard reicht nicht aus, um das Werk zu vollenden.
Mit Baumeister Heinrich aus Straßburg und dem Steinmetzen Josef kommt die nächste Generation der Baumeister nach Freiburg. Doch der Weg zu einem fertigen Münster ist lang und steinig und auch im Leben der Erbauer des Münsters geht es drunter und drüber.

Mit dem Buch „Die Hexe von Freiburg“ von Astrid Fritz begann meine Liebe zu Historischen Romanen. Sie zeigte mir, dass Geschichte nicht nur Daten sind, sondern Geschichte überall und lebendig ist. Seit diesem Buch sah ich meine Heimatstadt Freiburg mit anderen Augen.
Ende des letzten Jahres entdeckte ich auf ihrer Homepage den Hinweis, dass im Mai 2020 ein neues Buch mit dem Titel „Der Turm aus Licht“ veröffentlicht wird. Ein Buch, welches in Freiburg angesiedelt ist und über den Bau des Münsters erzählt. Da waren meine Neugier und Vorfreude gleich geweckt – das Buch musste ich unbedingt lesen.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Rowohlt Verlag für die Zusendung des Buches als Rezensionsexemplar in Form eines eBooks.

Der Einstieg in das Buch fiel mir sehr leicht: Wenn ich Namen wie „Martinstor“ oder „Große Gas‘“ lese, habe ich gleich Bilder vor Augen, weiß, wo sich die Figuren aufhalten und wie es dort aussieht. Aber auch ohne die Ortskenntnisse, nimmt uns Astrid Fritz mit ihrer starken und atmosphärischen Sprache gleich mit in die Geschichte.
Am Anfang schreckte mich das sehr umfangreiche Namensregister etwas ab. So viele Namen, so viele Personen. Das Buch hat aber auch fast 800 Seiten, erstreckt sich über 60 Jahre, damit kommen eben auch viele Personen zusammen. Ich kann in meiner Rezension nur auf einen Bruchteil der Charaktere eingehen, da es hier ansonsten den Rahmen sprengen und auch viel von der Handlung vorweg nehmen würde.
Astrid Fritz beschreibt ihre Figuren nicht sehr ausgiebig, lässt diese eher in Situationen agieren, dadurch kann sich der Leser ein gutes Bild machen. Anfangs lernt man den Baumeister Gerhard, seine Frau und seine Truppe Steinmetze kennen. Wirkt dieser Baumeister am Anfang etwas griesgrämig und eher unzufrieden, wird er im Laufe der Handlung immer sympathischer und euphorischer. Auch seine Frau Odilia, die im Gegensatz zu Gerhard nicht historisch belegt ist, habe ich gleich ins Herz geschlossen. Sie ist ein herzensguter und ehrlicher Charakter.
Über das Baumeister-Paar lernt man dann immer mehr Charaktere kennen. Hier sind besonders der fiktive Kaufmann Ulrich Wohlleb, seine Frau Anna und der Sohn Anselm zu nennen. Ulrich Wohlleb sitzt im Neuen Rat (ein Rat, der im 13. Jahrhundert entstand und aus jährlich neu gewählten Bürgern bestand und damit den Alten Rat der auf Lebenszeit gewählten Patrizier ergänzte). Dieser Neue Rat unterstützte den Bau des Freiburger Münsters, war aber auch gegen die kostspielige Kriegstreiberei des Grafen Egino II., wodurch es zu großen Konflikten mit der Grafenfamilie kam.
Der Alltag auf der Burg unter der Herrschaft Egino wird vor allem an dem fiktiven Charakter Hannes Kirchbeck beschrieben. Als Junge wird er auf die Burg gebracht und fängt dort in der Burgbäckerei an. Er ist ein fleißiger Junge und arbeitet sich schnell hoch. Doch als er sein Herz an die junge Burgmagd Marie verliert, muss er lernen, was für Rechte sich die Grafen selbst nehmen. Hannes macht in diesem Buch eine sehr heftige Wandlung durch. Seine Tochter Thea entwickelt sich zu eine der Haupfiguren des zweiten Teils des Buches.
Ein Charakter, der mir sehr ans Herz gewachsen ist, ist der junge Stadthirte Jecklin. Ein zutiefst zerrissener Charakter, der mir mit seiner Geschichte sehr nahe gegangen ist, auch wenn diese nicht historisch belegt ist.
Auch die anderen Figuren in diesem Buch sind alle sehr lebensecht gezeichnet, historisch belegte und fiktive Figuren werden unter der Feder von Astrid Fritz lebendig. Aus Namen werden Figuren mit vielen Eigenheiten und Erlebnissen, jeder Charakter hat Ecken und Kanten. Es mangelt in diesem Buch nicht an starken Frauenfiguren, die in die Geschichte Wärme bringen, leider aber zu dieser Zeit nicht viel zu sagen hatten, was immer wieder deutlich klar wird.
Anhand einzelner, wenn auch teilweise fiktiven, Lebensgeschichten wird große Geschichte erzählt und damit greif- und erfahrbar.

Zur Handlung: Der Roman hat einen recht großen zeitlichen Handlungsraum, insgesamt 60 Jahre, ich konnte trotzdem gut folgen.
Allerdings störte mich, dass viele Ereignisse im Nachgang erzählt wurden – z.B. wurde der Tod einer wichtigen und sympathischen Figur in einem Absatz rückblickend erzählt. Leider ist das bei diesem Buch oft der Fall, was wahrscheinlich an dem Umfang der Ereignisse liegt. Ganz oft gibt es große Zeitsprünge zwischen den Kapiteln, teilweise über mehrere Jahre hinweg. Das störte mitunter meinen Lesefluss und auch die Atmosphäre in dem Buch.

Den geschichtlichen Hintergrund bildet Freiburg im Breisgau des 13. und 14. Jahrhundert. Man merkt, wie sehr und intensiv Astrid Fritz recherchiert hat, aber auch, wie sehr sie sich in in Freiburg und mit der Geschichte dieser Stadt auskennt.
Der Bau des Freiburger Münsters erstreckte sich über 350 Jahre – das Buch deckt davon gerade einmal 60 Jahre ab. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass es den Bau und die Architektur des Münsters dem Leser so viel näher bringt. Mit welch einfachen Mitteln und Elan die Menschen damals etwas für die Ewigkeit geschaffen haben, welche Menschen hinter diesem fantastischen Bau standen.

© poocy

Der Turm wird sich weit, weit höher in den Himmel recken, als ursprünglich gedacht. Dabei verwandelt sich der Unterbau scheinbar wie von selbst in ein Achteck, und das in aller Zierlichkeit und Leichtigkeit. Dieses Achteck wiederum geht über in einen Turmhelm, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat, einen durchbrochenen Helm aus nichts als himmelwärts strebende Rippen und Maßwerk, von Licht und Luft durchwirkt.“ [Seite 371, Zeilen 22-29]


Der Konflikt und die Spaltung zwischen dem Grafen Egino II. mit der Freiburger Bevölkerung ist verständlich erklärt und fließt gut in die Handlung der Geschichte ein. Dadurch das der Bau des Münsters allein durch Spenden der Bevölkerung bewerkstelligt wurde, nimmt das Freiburger eine besondere Stellung unter den Kathedralen in Europa ein.
Seit dem Erscheinen von „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett gibt es viele Bücher, die sich mit dem Bau von Kathedralen beschäftigen. „Der Turm aus Licht“ ist aber kein Abklatsch dieses Buches, auch wenn es in beiden Büchern um den Bau einer Kathedrale geht.
Doch auch wenn das Münster im Mittelpunkt der Handlung steht, erfährt man auch einiges aus der Geschichte der Stadt und der Region.

Konrad I. Graf von Freiburg (1226 – 1271), den Bürgern und dem Bau des Münsters wohlgesonnen.
Sein Sohn Egino II. Graf von Freiburg, als Verschwender und Kriegstreiber bei den Freiburgern verhasst.

Das Buch „Der Turm aus Licht“ bietet einen guten und authentischen Einblick in einen wichtigen Teil der Freiburger Stadtgeschichte. Auch wenn vieles rückblickend erzählt wurde, was sehr schade ist, fühlte ich mich mit dem Buch bestens unterhalten. Die Vielzahl der lebensechten Charaktere machten das Buch zu einem großen Lesevergnügen.

Fazit: Ein großes Lesevergnügen. Spannende Unterhaltung mit vielen Charakteren und einem guten Einblick in die Geschichte und Architektur des Freiburger Münsters.

Bemerkung: Das Buch habe ich freundlicherweise vom Rowohlt Verlag als Rezensionsexempar in Form des eBooks zur Verfügung gestellt bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.

„Fräulein Gold – Schatten und Licht“

von Anne Stern

eBook erschienen am 01.Juni 2020, das Paperback Taschenbuch erschien am 16.06.2020 im Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3499004278
https://www.rowohlt.de/buch/anne-stern-fraeulein-gold-schatten-und-licht.html

Das Buch „Fräulein Gold – Schatten und Licht“ von Anne Stern ist der packende Auftakt einer Trilogie um die Hebamme Hulda Gold, die im Berlin der 1920er Jahre auf der Suche nach sich selbst und einem Mörder ist.

Coverrechte: Rowohlt Verlag

Zum Inhalt:
Berlin, im Elendsviertel Bülowbogen, Ende Mai 1922: Ein Mord geschieht, doch die Polizei geht von einem tragischen Suizid der älteren Prostituierten Rita aus.
Doch die junge und engagierte Hebamme Hulda, die in diesem Elendsviertel einen guten Ruf hat, sieht das anders und stürzt sich in Nachforschungen um das Leben der „fixen Rita“. Sie findet schnell heraus, dass der leitende Kriminalkommissar Karl North etwas verheimlicht, gleichzeitig aber auch ein eher ungewöhnlich starkes Interesse an dem Fall zeigt.

Auf das Buch bin ich durch eine Ankündigung der Autorin auf ihrer Facebook-Seite aufmerksam geworden. Das Cover und die Zeit, in der das Buch spielt, weckten sofort mein Interesse. Berlin übt auf mich eine große Faszination aus, vor allem aber auch die 1920er Jahre in dieser Metropole. Eine Zeit, in der Glanz und Elend so nah beieinander lagen – die Goldenen Zwanziger.
Außerdem habe ich von Anne Stern schon die beiden Bücher „Die Frauen vom Karlsplatz – Auguste“ und „Das Lied der Seiltänzerin“ mit großer Begeisterung gelesen.
Als mich die Autorin fragte, ob sie mich auf eine Bloggerliste für ihren neuen Roman setzen darf, musste ich nicht lange überlegen.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Rowohlt Polaris Verlag für die Zusendung des Leseexemplars.

Von der ersten Seite an war ich in der Geschichte angekommen, die Spannung baute sich sehr schnell auf und ich wollte das Buch nur noch ungern aus der Hand legen.
Die Anzahl der Figuren ist überschaubar gehalten, was ich als äußerst positiv empfand. So konnte sich jeder Charakter gut entfalten und ich hatte das Gefühl, dass mir die Figuren nochmal viel näher kamen.
Hulda Gold, die Titelfigur, ist einer der interessantesten fiktiven Charaktere, die ich in meiner Leselaufbahn kennen lernen durfte. Sie ist einerseits von ihrer Arbeit in dem Elendsviertel Bülowbogen völlig ausgefüllt und hat dort ihre Bestimmung gefunden. Sie hadert aber immer wieder mit sich und ihrem privaten Leben. Sie hat ihren Weg im Leben noch nicht gefunden, wirkt wie ein kleines verlorenes Schifflein auf dem großen Meer. Da ist die selbstsichere Hebamme Hulda, die ängstliche Frauen ruhig und besonnen durch Geburten führt, aber da ist auch die Hulda, die sich im Berliner Nachtleben im Rauschzustand berauben lässt. Aber eines ist sie immer: Eine starke Frau, die für ihre Überzeugungen und gegen das Unrecht gegenüber anderen Menschen vorgeht. Leider vergisst sie sich dabei oft selbst. Hulda ist so lebensnah, so authentisch gezeichnet. Teilweise konnte ich mich selbst in ihr sehen. Sie ist so herrlich unperfekt.
Eine andere Figur ist der Kriminalkommissar Karl North. Anfangs noch sehr distanziert und in sich gekehrt, wird er durch seine tragische Geschichte immer lebendiger und greifbarer.
Am Rande agieren unter anderem Huldas Vermieterin Frau Wunderlich und der Kioskverkäufer Bert. Die Beiden sind Figuren, die man einfach von der ersten Seite an gerne hat. Ich hatte gleich ein Bild von Beiden im Kopf und hatte so eine Freude daran, immer wieder weiter über sie zu lesen. Huldas Ex-Freund Felix ist eine Figur, die viele Facetten aufweist. Ein zutiefst verunsicherter Mann, der mit Hulda abschließen will, es aber nicht wirklich kann.
Die Sprache von Anne Stern ist ein wahres Geschenk: Poetisch, kraftvoll aber auch sanft. Sie führt uns mit ihrer bildhaften Sprache das Elend in dieser Zeit genau so vor Augen, wie auch den Glanz dieser Zeit. Ich fühlte mich beim Lesen komplett in die 1920er Jahre zurückversetzt. Ich spürte die Musik in den Clubs und konnte mir alles bildlich vorstellen.

Den Hintergrund des Romans bilden die 1920er Jahre in Berlin. Der Erste Weltkrieg hat seine Spuren hinterlassen: Armut in vielen Vierteln und auch der Unglaube der Bevölkerung an die Demokratie und damit die Wut auf die noch junge Weimarer Republik bilden den Alltag vieler Menschen.
Die Menschen hatten große Hoffnungen, dass es in einer Demokratie nur besser werden kann, nun fühlen sich viele Menschen belogen und betrogen. Ganz deutlich wird der Zwist zwischen Aufbruchsstimmung und bitterer Armut dargestellt. Auch die aufstrebende organisierte Kriminalität spielt eine große Rolle.
Aber nicht nur in den Städten hat der Krieg seine grausamen Spuren hinterlassen: Auch an, teils sehr jungen, Männern, die als sogenannte „Kriegszitterer“ aus dem Krieg zurück kamen: Männer, die äußerlich unversehrt waren, innerlich aber nicht. Es hat mich zutiefst schockiert, wie die Gesellschaft auf diese Männer reagierte, vor allem aber wie Ärzte mit diesen Männern umgegangen sind.

Anne Stern hat mit dem Buch „Fräulein Gold – Schatten und Licht“ ein authentisches und starkes Buch mit vielschichtigen und spannenden Charakteren geschrieben. Eine lebensechte Hauptfigur vor einem fein recherchierten geschichtlichen Hintergrund – hier werden die Goldenen Zwanziger mit all ihren Facetten wieder lebendig. Ein fantastischer Auftakt.
Ich freue mich schon so sehr auf den zweiten Teil „Fräulein Gold – Scheunenkinder“, der im Oktober 2020 und auf den dritten Teil „Fräulein Gold – Der Himmel über der Stadt“, der im April 2021 erscheinen soll.

Fazit: Ein Buch mit Sogwirkung – man möchte es nicht mehr aus den Händen legen. Mein bisheriges Jahreshighlight. Lesenswert!

Anmerkung: Das Buch habe ich freundlicherweise vom Rowohlt Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst!


„Mit der Flut“

von Agnes Krup

Erschienen am 02. Oktober 2017 (Gebundene Ausgabe) und am 01. März 2019 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3492058421 (Gebundene Ausgabe) und 978-3492314091 (Taschenbuch)
https://www.piper.de/buecher/mit-der-flut-isbn-978-3-492-31409-1

Das Buch „Mit der Flut“ von Agnes Krup erzählt die Geschichte des jungen Paul, der in den 1920er mutterseelenallein von Hamburg nach New York auswandert und mit großem Ehrgeiz versucht, dort sein eigenes Leben aufzubauen.

Coverrechte: Piper Verlag

Zum Inhalt:
Paul Benitt, ein junger und abenteuerlustiger Mann, wächst in beengten Familienverhältnissen in Finkenwerder bei Hamburg auf. Der elterliche Obsthof wird an seinen älteren Bruder Hein gehen, der andere Bruder Johann ist Lehrer. Somit haben seine Brüder ihren Platz im Leben gefunden. Paul beginnt eine Tischlerlehre. Schon früh merkt er, dass er nach dieser Lehre Finkenwerder verlassen möchte, um sich, fernab der Familie, ein eigenes Leben aufzubauen.
Ein paar Jahre später fährt er als Blinder Passagier Richtung New York, macht aber auf dem Schiff erste Erfahrungen in Sachen Medizin. Ein Wunsch beginnt in ihm zu wachsen, der ihn noch Jahre beschäftigen wird.
In New York angekommen, ist er von der Größe der Stadt schier erschlagen, schafft es aber, Fuß zu fassen. Neben einem Job in einer Tischlerei bekommt er auch eine kleine Dachwohnung. Er lernt die junge Antonia, eine italienische Einwanderin, kennen und lieben. Aber Paul möchte sich nicht mit diesem einfachen Leben zufriedengeben – sein großer Traum ist ein Medizinstudium. Da es in den USA unbezahlbar ist, kehrt er auf Anraten seiner Mutter wieder nach Deutschland zurück. Antonia bleibt in New York, aber Paul will wieder schnellst möglichst zurück sein. Doch dann zieht der Zweite Weltkrieg über die Welt und macht die Pläne auf ein baldiges Wiedersehen zunichte.

Ich muss gestehen, dass dieses Buch an mir vorbeigegangen ist. Per Zufall sah ich auf Facebook eine Live-Lesung von Agnes Krup mit diesem Buch und war von der sehr atmosphärischen und dichten Sprache sehr beeindruckt. Auch die vorgelesenen Passagen machten mich sehr neugierig auf das Buch. Die Autorin bot mir an, mir ein Exemplar zukommen zu lassen.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Autorin Agnes Krup für die Zusendung des Buches. Ich habe mich wirklich so sehr gefreut.

Das Buch bietet einen schnellen Einstieg in die Handlung der Geschichte. Der Prolog beginnt im Jahr 1969 in New Paltz, in einer Zeit, in der Paul auf sein bisheriges Leben zurückschaut. In diesem Prolog lernte ich schon einige wichtige Personen kennen, deren Handlungen mich neugierig machten, wie es dazu kam und wer sie überhaupt genau sind.
Nach dem Prolog geht das Buch ins Jahr 1920 zurück, wir lernen zuerst den jungen Paul kennen, ein abenteuerlustiger und gewitzter Junge. Im Laufe der Handlung macht er eine eher negative Entwicklung durch. Anfangs ist er sehr ehrgeizig, wird dann aber immer rastloser dann aber auch doch sehr bequem und egoistisch. Er denkt sehr oft nur an sich selbst, kann aber trotzdem nicht alleine sein. Er braucht immer Menschen, vor allem Frauen, um sich.
Pauls Familie ist eher schwierig zu durchschauen, allen voran Pauls Mutter. Sie wirkt sehr abweisend und hart. Seit Paul dann in einer Nacht und Nebel-Aktion abgehauen ist, ist sie noch spröder und lässt viele Menschen nicht an sich und ihre Familie ran – den Verlust ihren Lieblingssohnes kann sie sich und den anderen Menschen um sich herum nicht verziehen. Sie zeigt aber auch, wie berechnend sie ist, ihr kann niemand etwas vor machen. Sie schießt klare Worte wie kleine Pfeile ab, ganz egal, wie verletzend sie auch sein mögen.
Die anderen Charaktere der Familie Benitt sind ebenfalls schwierige Kameraden. Sie lassen selten Gefühle zu, sind stark vom Krieg gebeutelt und müssen irgendwie überleben. Nicht leben sondern überleben. Vor allem die angeheirateten Frauen in der Familie müssen oft nur funktionieren.
Einzig Johann, der ältere Bruder von Paul, und Johanns Tochter Hella stechen aus diesen Charakteren mit ihren Gedanken und Handlungen hervor. Aber auch Pauls Verlobte Antonia bringt einige Sympathien mit sich und damit Farbe in den Alltag der Familie Benitt. Antonia muss im Laufe der Geschichte einiges durchmachen, hat ihr Herz aber am rechten Fleck, lässt sich aber auch etwas von Paul und seiner Familie ausnutzen. Antonias Familie scheint das komplette Gegenteil zu Pauls Familie: Hier wird miteinander über Gefühle und Befinden geredet. In Pauls Familie machen fast alle Familienmitglieder Probleme mit sich selbst aus, Verständnis für andere und gemeinsames Lachen gibt es wenig. Dieser Kontrast zwischen diesen zwei Familien hat Agnes Krup äußerst gut heraus gearbeitet. Enge, strenge und auch ärmliche Familienverhältnisse im Gegensatz zu liebevollen und geborgenen Familienverhältnissen. In diese Gegensätze gerät Antonia.
Auch Figuren, die sehr am Rande mitspielen, sind sehr lebendig gezeichnet. Immer wieder sprechen die Figuren Plattdeutsch, welches sehr authentisch wirkt und mich damit noch mehr in die Geschichte und den Handlungsort mit hinein nehmen konnte.
Dank der dichten, bildhaften und poetischen Sprache von Agnes Krup, auch in Form vieler Briefe, konnte ich mich ganz in die Geschichte fallen lassen und verspürte auf keiner Seite Langeweile. Teilweise beschäftigten mich die Figuren auch in meinen Träumen.
Am Ende des Buches sind wir dann wieder im Jahr 1969 in New Paltz.

Der geschichtliche Hintergrund ist vor allem die Zeit vor, während und nach des Zweiten Weltkrieges. Agnes Krup zeigt nicht, was alles in dieser Zeit an Weltgeschichte passierte, sie zeigt eher, was der Krieg mit den einzelnen Menschen gemacht hat. Wie sie versucht haben, mit einfachen Mitteln zu überleben und wie der Krieg ihr Leben verändert hat.
Die Emigration vieler Europäer in die verheißungsvollen USA macht auch ein großes Thema aus – auch wenn sich „Mit der Flut“ sehr positiv zu den typischen Auswandergeschichten abhebt. Paul kommt nicht in New York an und ihm fällt auch nicht alles in den Schoss – er muss für seinen Traum hart kämpfen und immer wieder zurückstecken, sogar wieder in seine alte Heimat zurückkehren. Es ist keine typische „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ – Geschichte. Das empfand ich als sehr authentisch.

Agnes Krup hat ein Buch geschrieben, welches ich im Kopf behalten werde. Tolle, lebensechte Charaktere, die es einem nicht immer leicht gemacht haben und ein fein recherchierter geschichtlicher Hintergrund. Dazu eine starke poetische und bildhafte Sprache – was will man als Leser mehr? Ich bin so froh, dass ich dieses Buch gelesen habe.

Fazit: Ein ganz starker, kraftvoller und poetischer Roman.

Anmerkung: Dieses Buch habe ich von der Autorin geschenkt bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.

„Das Mädchen aus Glas“

von Julie Hilgenberg

Erschienen am 11. Mai 2020 im Diana Verlag
ISBN: 978-3-453-36057-0
https://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Das-Maedchen-aus-Glas/Julie-Hilgenberg/Diana/e560079.rhd

Das Buch „Das Mädchen aus Glas“ spielt im 20. Jahrhundert in Berlin und handelt von der jungen Elisa, die trotz ihrer schweren Krankheit ihren Weg und die große Liebe in ihrem Leben sucht und findet.

Coverrechte: Diana Verlag

Berlin im Jahr 1913: Die junge Elisa leidet an der seltenen Glasknochenkrankheit – eine Krankheit, bei der ihre Knochen unter geringer Belastung leicht und schnell brechen. Aus Angst um ihre Tochter und deren Gesundheit, sperren Elias Eltern das junge Mädchen jahrelang in ihrer Villa ein. Eines Tages soll sie aber heiraten eine arrangierte Hochzeit mit Louis Lindquist, dem Sohn eines Bankiers. Die Hochzeit bietet sich für ihren Vater, den Inhaber einer Süßwarenfabrik, gerade zu an. Eigentlich gehört Elias Herz ihrem Arzt und Vertrauten Wilhelm. Aber auch Louis‘ Herz gehört einer anderen Frau.

Das Buch habe ich auf dem ‚Bloggerportal‘ von Randomhouse entdeckt und war von dem Cover und dem Klappentext gleich tief beeindruckt. Bücher, in denen die Hauptfiguren an einer unheilbaren Krankheit leiden, findet man im Genre ‚Historischer Roman‘ eher selten. Deshalb war mein Interesse gleich geweckt und ich bewarb mich um ein Rezensionsexemplar.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Diana Verlag für die unkomplizierte Zusendung des Buches als Rezensionsexemplar.

Nach dem ich die ersten Seiten von diesem Buch gelesen hatte, war mir klar, dass es ein ganz besonderes Buch ist, welches ich da in den Händen hielt. Ein Buch mit einer beeindruckenden und starken, authentischen Hauptfigur, die so zerbrechlich und zart ist, und doch so stark und kämpferisch. Gezeichnet durch ihre schwere Krankheit, die ihre Kindheit von einem auf den anderen Tag beendet und ihr weiteres Leben bestimmt

„Draußen war der Gärtner damit beschäftigt, Holz für den Winter zu stapeln. Elisa sah durchs Fenster, wie seine Stirn im Abendlicht vor Schweiß glänzte. Wie seine Muskeln arbeiten. Wie schön es sein musste, seine Muskeln zu fühlen. Sie selbst hatte keinerlei Gespür für ihren Körper. Was zum einen daran lag, dass sie kaum Muskeln besaß; sie bewegte sich ja nur sehr wenig. Zum anderen daran, dass sie ihren Körper verabscheute. Denn ihr Körper war es, der sie im Haus gefangen hielt.“ [S.41, Z. 12 – 19]

Elisa hasst ihren Körper und ihre Krankheit, leidet aber vor allem unter der gesellschaftlichen Isolation, in die sie durch ihre Eltern gezwungen wird. Auf der einen Seite konnte ich die Eltern verstehen, da sie Angst um das Leben ihrer Tochter haben, aber auf der anderen Seite war es auch einfach nur erschreckend, was Elisa damit angetan wurde. Unvorstellbar. Trotz allem kämpft sich Elisa aus diesem Teufelskreis raus – dank einer unfreiwilligen Hochzeit. Es war so ergreifend, wie Elisa nach und nach die Welt und auch ihr Leben für sich entdeckte. Dinge und Begebenheiten, die für alle selbstverständlich waren, wurden von Elisa komplett neu entdeckt. Ich wollte Elisa sehr oft einfach nur in den Arm nehmen und für sie da sein – das hätte sie aber wahrscheinlich nicht zugelassen.
Ihre Mutter ist eine Person, die man sehr schwer durchschaut. Anfangs war bei mir noch die ein oder andere Sympathien, die aber im Laufe des Buches immer weniger wurden. Ähnlich ging es mir bei ihrem Vater.
Louis Lindquist, Elias Mann, ist ein Draufgänger-Typ – er lebt sein Leben als Sprössling einer reichen Bankiersfamilie: er schmeißt sein Studium und führt die ein oder andere Affäre. Mit seinem Vater steht er eher auf Kriegsfuß, dieser setzt ihm die Pistole auf die Brust. Sollte er Elisa nicht heiraten, verliert er jegliche Unterstützung – nicht nur finanzieller Art. Louis fühlt sich immer sehr im Schatten seines älteren Bruder Franz, der seinen Vater in der Bank unterstützt und der wahre ‚Vorzeigesohn‘ ist. Erst später wird klar, warum Louis seinen Vater regelrecht verachtet. Ich mochte Louis sehr gerne, auch wenn er Anfangs impulsiv und ungestüm ist. Im Laufe der Handlung wird er zum wahren Sympathieträger.
Eine eher tragische Figur finden wir in dem Arzt und Vertrauten von Elisa: Wilhelm. Schon seit Kindertagen verbindet ihn und Elisa ein festes Band der Freundschaft und Vertrautheit. Er kann nicht fassen, dass Elisa einfach einen anderen Mann heiratet. Er muss sich eingestehen, dass er Elisa liebt – doch dafür ist es nun zu spät.
Es gibt noch einige Figuren in diesem Buch, sie alle machten das Buch äußerst lesenswert. Sie alle handeln authentisch, ich konnte mit ihnen lachen, mit ihnen weinen oder sie machten mich fassungslos.

Julie Hilgenberg ist Jahrgang 1991, das Buch „Das Mädchen aus Glas“ ihr erster historischer Roman. Ihre Sprache ist atemberaubend, so feinfühlig und wunderschön zog sie mich direkt in die Handlung und in die Zeit. Auch wenn der geschichtliche Hintergrund das Berlin in der Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges zeigt, stehen die Gefühle der Figuren, vor allem von Elisa und Louis, sehr im Vordergrund. Das Geschichtliche muss in diesem Roman arg zurückstecken, was ich aber überhaupt nicht als negativ wahrgenommen habe. Ich kam allen Figuren dadurch nochmal so viel näher. Es wird ein gutes Bild über die Gesellschaft in dieser Zeit dargestellt, eine Zeit, in Luxus und Armut so nah beieinander lagen. Wie lange man brauchte, um in den höheren Kreisen akzeptiert zu werden, wie schnell man aber auch wieder draußen war. Und auch wie die Gesellschaft zu dieser Zeit mit Krankheiten umging.
Der Erste Weltkrieg spielt am Rande auch eine Rolle, es wird noch einmal klar, wie es dazu kam und auch wie sehr dieser Krieg in das Leben der Bevölkerung eingebrochen ist und ihr aller Leben verändert hat.
Ich habe so einiges über die Glasknochenkrankheit gelernt, auch dank des Nachwortes der Autorin. Hier merkt man, dass dieses Thema Julie Hilgenberg sehr wichtig war und sie sehr intensiv recherchiert hat.

Fazit: Ein wunderschöner, sinnlicher Roman mit einer zarten und gleichzeitig so starken Hauptfigur. Lohnt sich!

Hinweis: Dieses Buch habe ich vom Diana Verlag als kostenloses Rezensionexemplar bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.

„Riviera – Der Traum vom Meer“

von Julia Kröhn

Erschienen am 27. April 2020 im Blanvalet Verlag
ISBN: 978-3-7341-0808-2
https://www.randomhouse.de/Paperback/Riviera-Der-Traum-vom-Meer/Julia-Kroehn/Blanvalet/e555827.rhd

In dem Buch „Riviera – Der Traum vom Meer“ stehen die beiden Freundinnen Salome und Ornella im Mittelpunkt der Geschichte, welche in Deutschland, Italien und Südfrankreich in den Jahren von 1922 bis 1936 angesiedelt ist.

Coverrechte: Blanvalet Verlag

Im Jahr 1922 lernen wir die achtjährige Salome Sommer kennen. Sie wohnt mit ihrem Vater Arthur und ihrer Großmutter Tilda in Frankfurt am Main. In einem Zimmer im Dachgeschoss wohnt noch Paola – eine junge Frau mit italienischen Wurzeln. Paola erzählt Salome von Italien, und vor allem vom Meer. Salome ist so fasziniert von diesen Schilderungen und verspürt den großen Wunsch, auch einmal in ihrem Leben das Meer zu sehen und zu erleben. Wie gut, dass ihr Vater ein Reisebüro führt – es geht also ans Meer. Und Salome beginnt das Meer zu lieben, aber auch Italien. Sie trifft auf Ornella, die Tochter des Besitzers des Gästehaus. Trotz aller Unterschiede, werden Salome und Ornella beste Freundinnen, fast schon Schwestern. Salomes Vater kooperiert mit Ornellas Vater, um in Italien mit seinem Reisebüro Fuß zu fassen und deutschen Touristen Reisen nach Italien anbieten zu können. Die beiden Freundinnen werden älter, und während der erstarkende Faschismus seine Schatten über das Land wirft, wird die Freundschaft der Beiden immer wieder auf harte Proben gestellt. Beide interessieren sich für den gleichen Mann: Felix, der Sohn eines französischen Unternehmers.

Die Autorin Julia Kröhn gehört zu den Autorinnen, die ich sehr gerne lese. Auf Facebook kündigte sie ihr neues Buch „Riviera – Der Traum vom Meer“ an. Als absoluter Meer-Fan war meine Neugier gleich geweckt, außerdem lese ich sehr gerne Bücher, die in dieser Zeit spielen.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Blanvalet Verlag für die Zusendung als Rezensionsexemplar.

Das Buch hat mich ab der ersten Seite absolut in seinen Bann gezogen. Das lag zum einen daran, dass die Figuren (allen voran Salome) gleich zu Beginn sehr lebendig beschrieben werden. Zum anderen hat mich diese starke und poetische Sprache von Julia Kröhn ganz tief in die Geschichte gezogen.
Die Figuren in diesem Buch sind so vielfältig, wie Blumen in einem üppigen Blumenstrauß. Wirklich jede Figur hat ihre Facetten und Geschichten, die erst im Laufe der Handlung ans Licht kommen. Es sind keine langweiligen, gesichtslosen Charaktere – nein, alle Figuren machen eine interessante und sehr authentische Entwicklung durch.
Salome und Ornella lernen wir als Kinder kennen, am Ende des Buches sind beide erwachsene Frauen. Die innige Freundschaft der Beiden, auch die ersten Diskrepanzen werden leidenschaftlich und authentisch beschrieben.
Eine Figur, die ich nie wieder vergessen werde, ist Felix, der Sohn eines französischen Unternehmers. Denkt man zuerst, dass er ein verwöhntes Einzelkind ist, erfährt man erst im Laufe der Geschichte so viel mehr über ihn und seine tragische Geschichte.
Aber auch die Mutter von Felix hat eine Geschichte, die mir nicht mehr so schnell aus dem Kopf gehen wird.
Die Sprache von Julia Kröhn ist, wie oben bereits erwähnt, sehr poetisch. Auf keiner Seite empfand ich die Sprache als unangenehm oder laut, eher als leise, aber auch als so stark und bild-gewaltig.

Zitat: „Der Krieg war kein Monster auf vier Beinen, das man einhegen, fernhalten konnte. Eher glich er einem Nebel, in jede Ritze dringend, jede Grenze überwindend.“ (S. 396, Z. 26 -28)

Das Buch hat die Jahre von 1922 – 1936 als geschichtlichen Hintergrund. Was als „kleine Schlägerei“ zwischen Italienern, Deutschen und Engländern am Strand beginnt, endet schließlich mit der Italienischen Faschismus- Bewegung unter Benito Mussolini. Es zeigt, wie unterschiedlich diese Bewegung in der Bevölkerung aufgenommen wurde – von Unverständnis bis hin zur Begeisterung.
Doch es bleibt nicht beim Italienischen Faschismus, kaum haben sich alle damit irgendwie abgefunden, ziehen auch in Deutschland dunkle Wolken auf. Hitler reißt die Macht an sich und damit ist die Existenz der Figuren wieder gefährdet.
Ein weiteres interessantes Thema ist der Aufbau des Tourismus in Italien und Südfrankreich, und wie Reisebüros diesen mitgestaltet haben.

Julia Kröhn hat ein starkes, poetisches Buch mit vielschichtigen, lebensnahen Charakteren geschrieben. Ich habe es immer wieder gerne in die Hand genommen, es machte Spaß mit dem Kopf ans Meer zu reisen, ich konnte die Kraft und die Faszination des Meeres spüren, aber auch die Macht einer Freundschaft.
Ich freue mich schon auf den zweiten Teil, der im Juli 2020 erscheinen soll.

Fazit: Ein lesenswertes und starkes Buch – lesen!


Hinweis: Das Buch habe ich freundlicherweise vom Blanvalet Verlag als Rezensionsexemplar zugesendet bekommen. Dies hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.

„Das Grand Hotel – Die nach den Sternen greifen“

von Caren Benedikt

erschienen am 02. März 2020 im Blanvalet Verlag
ISBN: 978-3-7645-0707-7
https://www.randomhouse.de/Paperback/Das-Grand-Hotel-Die-nach-den-Sternen-greifen/Caren-Benedikt/Blanvalet/e551384.rhd

Das Buch „Das Grand Hotel – Die nach den Sternen greifen“ von Caren Benedikt spielt zu einem Teil auf der Insel Rügen, der andere Teil in Berlin der 20er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Coverrechte: Blanvalet Verlag

Es ist das Jahr 1924, alles scheint im „Grand Hotel“ auf Rügen in Ordnung zu sein: Bernadette von Plesow hat die Fäden fest im Griff: Nach dem Tod ihres Mannes führt sie das „Grand“ mit harter Hand. Ihr ruhiger Sohn Alexander hat zwar auch einen Anteil, allerdings wird er von seiner Mutter an der kurzen Leine gehalten. Das Zepter aus der Hand zu geben ist für Bernadette keine Option.
Außerdem gibt es noch ihre Tochter Josephine, die aus Paris zurück gekehrt ist, wo sie eine renommierte Kunstschule besucht hat. Doch im Gegensatz zu ihrer zielorientierten Mutter, lebt Josephine in den Tag und weiß gar nichts mit sich anzufangen.
In Berlin führt ihr zweiter Sohn Constantin ebenfalls ein Hotel, das „Hotel Astor“. Er hat sich rund um das Hotel ein undurchsichtiges Imperium erschaffen.
Doch dann droht ein großes Geheimnis aufgedeckt zu werden, welches Bernadettes Leben und das ihrer Kinder für immer aus der Spur bringen könnte.

Die Autorin Caren Benedikt hat das Buch auf ihrer Facebook-Seite angekündigt. Ich verspürte gleich große Lust, dieses Buch zu lesen, da ich zum einen die Zeit sehr mag, aber auch Geschichten rund um große Hotels. Und auch das wunderschöne Cover verzauberte mich direkt.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Blanvalet Verlag für die Zusendung des Buches als Rezensionsexemplar.

Ich tat mir Anfangs mit dem Buch schwer. Das lag daran, dass mir eine sympathische Figur gefehlt hat. Bernadette ist eine sehr zielorientierte und auch strenge Frau, die alle anderen Figuren um sich herum dirigiert. Liebevoll ist sie nicht. Das ändert sich aber doch ab einem gewissen Punkt der Geschichte, und ab da ging es für mich besser voran. Sie ist eine sehr kluge und weise Frau, die in ihrem Leben schon viele Entscheidungen treffen musste, waren sie auch noch so unbequem.
Ihr Sohn Constantin ist anfangs auch eher schwer zu durchschauen, Sympathie ist auch hier eher Fehlanzeige. Alexander wirkte auch eher blass neben seiner herrischen Mutter.
Einzig die Tochter Josephine und das Zimmermädchen Marie brachten ein wenig Farbe in den Anfang der Geschichte. Josephine ist flatterhaft, wirkt selbstbewusst, was sie aber eigentlich gar nicht ist: Sie weiß nicht, welchen Weg sie in ihrem Leben einschlagen möchte. Das kann ihre Mutter nicht länger tolerieren. Außerdem fühlt Josephine sich nicht als die Tochter, die ihre Mutter gerne hätte.
Das Zimmermädchen Marie ist sehr zurückhaltend, dafür aber fleißig und fröhlich. Sie nimmt im Laufe der Geschichte eine tragische Rolle ein.
Was mir an allen Charakteren in der Geschichte gefallen hat: Sie alle machen Fehler, sie sind keine perfekten Pappkameraden, nein, sie haben Ecken und Kanten. Und sie entwickeln sich im Laufe der Geschichte.
Diese Entwicklungen der Figuren trieben die Geschichte auch immer weiter voran und es kam wirklich auf keiner Seite Langeweile auf. Die vielen, gleichzeitigen Handlungen sind packend und haben mich immer wieder überrascht und teilweise auch schockiert.

Die Themen des Buches sind vielfältig: Zum einen der Hotelbetrieb in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in all seinen Facetten: Der schier unendliche Reichtum auf der einen Seite, aber auch der Stand der Zimmermädchen als Bild für die ärmere Bevölkerung.
Doch wer glaubt, dass dies das große Thema des Buches ist, liegt falsch. In Berlin lernen wir noch einen anderen Aspekt kennen: Die organisierte Kriminalität, mit Schutzgelderpressungen, Prostitution und Drogenhandel.
Und genau diese Handlungen haben mich immer wieder fassungslos gemacht. Ein Menschenleben ist in diesem Milieu nichts, aber auch gar nichts wert.
Caren Benedikt versteht es außerordentlich gut, mit ihrer direkten und bildhaften Sprache, der Geschichte Leben einzuhauchen. Die Handlung läuft immer weiter fort, ohne, dass auf einer Seite Langeweile aufkommt. Ich mochte das Buch teilweise nicht mehr aus der Hand legen, so spannend wurde es.
Ein spannender Auftakt einer Reihe, der zweite Teil erscheint im Frühjahr 2021 – ich freue mich!

Fazit: Anders als gedacht, aber ein richtig packendes Buch, welches ich nur schwer aus der Hand legen wollte. Absolut empfehlenswert.

Bemerkung: Dieses Buch habe ich freundlicherweise vom Blanvalet Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.

„Die Schwestern vom Ku’damm – Tage der Hoffnung“

von Brigitte Riebe

Erschienen am 21. April 2020 im Wunderlich Verlag
ISBN: 978-3805203333
https://www.rowohlt.de/hardcover/brigitte-riebe-die-schwestern-vom-ku-damm-tage-der-hoffnung.html

Das Buch „Die Schwestern vom Ku‘damm – Tage der Hoffnung“ von Brigitte Riebe ist der dritte Teil der Trilogie um die ‚Thalheim-Schwestern‘ und spielt in den Jahren von 1958 bis 1963 in Westberlin. Es zeigt den Selbstfindungsprozess des Nesthäkchen Florentine und ihren Kampf um ihren Platz im Leben.

Coverrechte: Wunderlich Verlag

Florentine Thalheim, genannt Flori, ist wieder aus Paris zurück. Dort verbrachte sie eine glückliche Zeit, versuchte sich all ihren Verantwortungen gegenüber ihrer Familie zu entziehen und ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu leben.
Nun ist sie wieder in Westberlin, mit einem festen Ziel: Sie möchte, trotz fehlenden Abitur, auf eine Kunstakademie gehen. Mit viel Durchhaltevermögen und einem großen Kampfgeist schafft sie es. Mit diesem Erfolg tritt sie zudem aus dem Schatten ihrer älteren Schwestern, die beide ihren Platz im Leben schon gefunden haben: Rike führt mit Hilfe ihres Mannes das Modehaus Thalheim, ihre andere Schwester Silvie hat mit der Radiosendung „Stimmen“ ihre Berufung gefunden. Doch während Flori komplett in der Kunst aufgeht, ziehen in der Politik dunkle Wolken auf: Der Ost-West-Konflikt spitzt sich mehr und mehr zu und bedroht damit auch die gesamte Familie Thalheim. Und auch privat muss Flori gegen wilde Stürme kämpfen.

Ende September 2019 las ich den zweiten Teil der Trilogie rund um die ‚Thalheim-Schwestern‘ und wartete seit dem gespannt auf den dritten Teil. Schon die ersten beiden Teile gefielen mir außerordentlich gut. Da war es klar, dass ich unbedingt auch den dritten, und damit letzten Teil unbedingt sofort lesen musste.
An dieser Stelle möchte ich mich beim Rowohlt Verlag ganz herzlich für die Zusendung eines Rezensionsexemplars bedanken.

Von der ersten Seite an war ich wieder in der Handlung angekommen und freute mich, all die Charaktere wieder zu treffen. Wie sehr mir die Familie Thalheim, mit all ihren Geheimnissen, ans Herz gewachsen ist.
Flori hat seit dem ersten Teil eine tolle Entwicklung hingelegt. War sie im ersten Teil das verwöhnte Nesthäkchen, die immer wieder trotzig reagiert hat, ist sie in diesem Teil eine richtige Kämpferin. Sie macht alles, um sich ihren Traum zu erfüllen, ganz egal, was andere Menschen von ihr denken. Sie fällt öfter mal hin, steht aber immer wieder auf. Auch die Szenen, in denen sie wie im Rausch malt, haben bei mir einen großen Eindruck hinterlassen. Sie ist ein ganz besonderer und vielschichtiger Charakter. Ich litt sehr mit ihr, wenn sie sich mal wieder von ihren älteren Schwestern ausgeschlossen fühlte, die immer wieder die ‚Kleine‘ in ihr sehen und sie öfter einfach oft übersehen.
Wie schon erwähnt, mag ich die Familie Thalheim so sehr: Auch wenn innerhalb der Familie viel verschwiegen wird, sind sie so herzlich und halten immer zusammen. Es sind die vielen verschiedenen Charaktere, die diese Geschichte so lebendig werden lässt. Es wird gestritten, es wird geweint und es wird gelacht, alles wie im richtigen Leben. Was wird mir die Familie Thalheim mit ihren Stärken und Schwächen fehlen.

Der geschichtliche Hintergrund ist das aufgeblühte Westberlin, welches farbenfroh und energiegeladen ist. Als Leser besucht man Clubs, hört die Musik dieses Jahrzehnts und spürt dieses erstarkende Lebensgefühl.
Direkt neben dran, in Ostberlin, müssen die Menschen noch mit Lebensmittelmarken einkaufen. Immer mehr Menschen fliehen von Osten Richtung Westen, dort wo Freiheit und ein unbeschwerteres Leben locken. Am 13. August 1961 wird dann die Mauer gebaut – und reißt Familien und Freunde auseinander – und damit auch die Familie Thalheim. Und der Leser ist mittendrin.
Auch wenn Frauen schon auf einem guten Weg der Gleichberechtigung waren – richtig gut war es noch nicht. Es wird immer wieder klar, wie sehr die Frauen noch unter der Fuchtel der Männer standen, vor allem im Alltag einer Akademie.

Brigitte Riebe hat es mit ihrer bildgewaltigen Sprache wieder einmal geschafft, mich völlig in die Geschichte zu ziehen. Persönliche Konflikte der Charaktere, aber auch Momente, die Weltgeschichte schrieben, ließen mich mit ganz tief abtauchen und alles um mich herum vergessen.
Momente, die ich bisher nur aus Geschichtsbüchern oder Dokumentationen kannte, wurden plötzlich so lebendig, als ob ich dabei gewesen wäre. Ich konnte nachfühlen, wie die Menschen den Bau der Mauer erlebten, fühlte mich als Teil der Menge, die dem amerikikanischen Präsidenten John. F. Kennedy zujubelten. Geschichte zum Fühlen und zum Greifen nah.
Mir persönlich hat dieser abschließende Teil der Reihe um die ‚Thalheim-Schwestern‘ am besten gefallen. Es war eine so große Energie in diesem Buch, wie ich sie selten spüre. Ich hatte so oft eine Gänsehaut und es standen mir die Tränen in den Augen.

Fazit: Ein ganz bezauberndes, packendes und energiegeladenes Buch mit einer vielschichtigen Hauptfigur. Absolut empfehlenswert. Unbedingt lesen!

Hinweis: Das Buch habe ich freundlicherweise vom Rowohlt-Verlag zugesendet bekommen. Dies hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.

„Die englische Gärtnerin – Blaue Astern“

von Martina Sahler

Erschienen am 27.12.2019 im Ullstein Verlag
ISBN: 9783548060712
https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/die-englische-gaertnerin-blaue-astern-die-gaertnerin-von-kew-gardens-1-9783548060712.html

Das Buch „Die englische Gärtnerin – Blaue Astern“ von Martina Sahler spielt in London des 20. Jahrhunderts und zeigt beeindruckend, wie eine junge Frau, in einer Welt in der Männer den Ton angeben, ihren Weg sucht und geht.

Coverrechte: Ullstein Verlag

England im Juni 1920: Charlotte Windley hat es geschafft: Sie hat ihr Studium der Botanik mit Bestnote abgeschlossen und erkämpft sich eine Stelle als Botanikerin in der Parkanlage Kew Gardens.
Auch wenn sie dafür ihre Liebe zu dem Botaniker Dennis erst einmal geheim halten möchte, kann sie sich keinen andere Arbeit vorstellen und ist völlig erfüllt. Als sie dann auch noch einen Platz in einer Expedition ins ferne Ausland angeboten bekommt, scheint ihr Glück perfekt.
Doch dann lernt sie den Deutschen Victor kennen, der eine Papierfabrik geerbt hat. Kurz darauf passiert ein schrecklicher Unfall in ihrer Familie und Charlotte weiß nicht mehr, was sie machen soll.

Ich habe von 2002 bis 2005 eine Ausbildung zur Gärtnerin gemacht . Ich liebe alles, was blüht, liebe das Gefühl von Erde an meinen Fingern, den Geruch von Pflanzen. Als ich dieses Buch gesehen (dieses wundervolle Cover…) und den Klappentext gelesen habe, war mir klar, dass ich dieses Buch unbedingt lesen muss. Ich freue mich so sehr, dass es eine Trilogie ist.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Autorin Martina Sahler für die Zusendung eines Exemplars und die liebe Signierung.

Mir haben die Figuren sehr gefallen. Vor allem die Hauptfigur Charlotte Windley war mir ab dem ersten Kapitel sehr sympathisch, da sie so viele Stärken hat, aber auch viele kleine Schwächen. Sie schließt zwar ihr Studium mit Bestnote ab und ist eine richtige Kämpferin, ist aber auch etwas ungeschickt und vergesslich. Teilweise musste ich sehr schmunzeln und erkannte mich selbst in Charlotte wieder.
Die Geschichte von Charlottes Mutter Elizabeth hat mich sehr berührt, eine so starke Frau, auch wenn ihr Körper nicht mehr will. Sie kennt ihre Tochter so gut, ist immer da und schaut in Charlottes Inneres wie kein anderer.
Charlottes jüngere Schwester Debbie ist ein typischer Jugendlicher, immer auf Rebellion, immer dagegen. Zumindest am Anfang.
Charlottes großer Bruder Robert macht in dem Buch eine sehr große Wandlung durch, seine Geschichte hat mich auch sehr bewegt. Ich bin so gespannt, wie er sich in den nächsten Teilen entwickelt.
Die Figur der Aurora Ainsworth hat mich wohl am meisten in diesem Buch beeindruckt. Sie ist die Cousine von Victor und lebt mit ihm in einem Haushalt. Er kümmert sich um sie, sie sich aber auch um ihn, aber es ist klar, dass ihr etwas fehlt: Eine Familie. Aurora hat teilweise so starke Charakterzüge, auf der anderen Seite ist sie dann aber auch wieder so zerbrechlich. Ein toller, lebensnaher Charakter.
Victor empfand ich noch als etwas undurchsichtig, ich bin sehr gespannt, wie er sich entwickelt.
Aber auch die anderen Nebenfiguren empfand ich als sehr authentisch und liebevoll beschrieben.

Die Sprache von Martina Sahler ist sehr bild- und lebhaft. Bei einigen Szenen konnte ich die Blumen, die Luft in den Gewächshäusern fast riechen. Ich bekam Lust unseren Botanischen Garten zu besuchen.

Das Buch hat viele Themen, das Hauptthema sind natürlich die Pflanzen und die Kew Gardens.
Martina Sahler hat sehr gut recherchiert: Auch wenn ich noch nie in den Kew Gardens war, habe ich nun ein Bild davon im Kopf.
Außerdem bringt sie das Wissen über Pflanzen (z.B. Entdeckung, Vermehrung, Arten und Vielfalt) so rüber, dass es niemals langweilig wird.
Ein anderes großes Thema ist, die Benachteiligung der Frauen gegenüber den Männern, vor allem im Hinblick auf die Wissenschaften. Frauen konnten zwar studieren, aber ob sie danach auch wirklich eine angemessene Arbeitsstelle bekamen, war mehr als unsicher. Und wenn sie dann eine Arbeitsstelle hatte, war noch lange nicht sicher, ob sie diese auch nach der Hochzeit behalten durfte: Das entschied der Ehemann.

Ein kleiner Kritikpunkt: Der Titel des Buches. Es wird im Buch des Öfteren erwähnt, dass sie Botanikerin ist – keine Gärtnerin. Da empfinde ich den Titel als unpassend.

Fazit: Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Sympathische Charaktere, spannend und gut recherchiert – ich freue mich auf die Fortsetzung!

Das Buch habe ich von der Autorin geschenkt bekommen, es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.

„Das Weingut – Tage des Schicksals“

von Marie Lacrosse

Erschienen am 30. September im Goldmann Verlag
ISBN: 978-3442205905
https://www.randomhouse.de/Paperback/Das-Weingut-Tage-des-Schicksals/Marie-Lacrosse/Goldmann/e556801.rhd

Der dritte und damit der letzte Teil der „Weingut – Saga“ von Marie Lacrosse beschreibt hauptsächlich den Kampf der Arbeiter im ausgehenden 19. Jahrhundert für bessere Arbeitsbedingungen und damit die Entstehung des Sozialistengesetzes.

Coverrechte: Goldmann Verlag

+++ Achtung! Bitte diese Rezension nur lesen, wenn ihr die ersten beiden Teile der Reihe schon gelesen habt! +++

Von der ersten Seite an war ich gleich wieder in der Geschichte angekommen.
Irene und Franz führen eine glückliche Ehe. Ihr gemeinsamer Sohn Fränzel gedeiht prächtig und auch seine beiden jüngeren Schwestern machen Irene glücklich. Da Franz oft auf Reisen und mit den Aufgaben des Weinguts beschäftigt ist, erkennt Irene immer mehr, dass sie das Leben als Mutter nicht genug auslastet. Sie möchte für die ärmere Bevölkerung, vor allem aber für die arbeitenden Frauen kämpfen. Sie gründet Frauengruppen, dabei kreuzt sich ihr Weg wieder mit ihrem ehemaligen Geliebten Josef, der als Arbeitsführer aktiv ist. Die Treffen mit Josef hält Irene vor Franz geheim, als Franz dahinterkommt steht ihre Ehe auf der Kippe. Aber auch mit den Frauengruppen begibt sich Irene auf dünnes Eis, da die sozialistischen Ideen immer mehr in den Fokus geraten und schlussendlich verboten werden. Doch Irene möchte nicht aufgeben und kämpfen – für ihre Ehe und die Rechte der arbeitenden Frauen.
Und Franz kämpft während dessen auch: Für das Weingut, welches von einem Schädling bedroht wird, aber auch für seine Ehe, die immer wieder als nicht standesgemäß angesehen wird.

Endlich: Der dritte Teil der packenden Weingut-Saga von Marie Lacrosse. Alle anderen Bücher mussten warten, da ich so gespannt darauf war, wie es mit Irene und Franz weitergeht. Selten hat mich eine Buchreihe so beschäftigt, so mitgerissen.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Goldmann Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

Wie in den ersten beiden Teilen sind alle Figuren wieder absolut lebensnah gezeichnet. Sie leiden, sie machen Fehler, sie handeln nach ihrem Herzen. Nach den ersten Seiten hatte ich das Gefühl, wieder unter guten Freunden zu sein. Irene und Franz sind beide so stark, aber auch Pauline (Mutter von Franz) ist ein so feiner, sympatischer und kluger Charakter. Auch in diesem Teil kommen neue Figuren hinzu, einige verlassen uns.
Für mich persönlich ist die Vorstellung nur schwer zu ertragen, dass ich nichts mehr von diesen Charakteren lesen werde. Sie alle wurden zu Freunden, vor allem Irene.
Mit ihren Figuren schafft Marie Lacrosse ein stimmiges Abbild der Bevölkerung des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Zum Stil und der Sprache kann ich mich nur wiederholen: Das Buch ist, wie seine Vorgänger, packend und berührend. Wie schon erwähnt, hat mich selten eine Buchreihe so gepackt, wie diese Reihe. Ich habe mitgelitten, bekam beim Lesen vor Spannung feuchte Hände und wollte es teilweise nicht mehr aus den Händen legen. Auch dieser Teil ermöglicht wieder eine komplette Flucht vor dem Alltag… Buch auf, ein paar Zeilen gelesen und ich war wieder in einer anderen Welt.
Die Sprache ist teilweise sehr direkt, Marie Lacrosse zeigt eindringlich, warum der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen so wichtig war. Hier wird nichts beschönigt, aber trotzdem klingt auch hier wieder viel Hoffnung mit.

Die großen Themen in diesem Buch sind der Weinbau, der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen der armen Bevölkerung und das damit verbundene Sozialistengesetz. Der Weinbau spielt auch hier eine größere Rolle als im ersten Band, ich habe viel über einen Schädling gelernt, der den Weinbau im ausgehenden 19. Jahrhundert vor große Probleme stellte.
Marie Lacrosse beschreibt im zweiten Teil der Reihe die Arbeitsbedingungen in Fabriken, ihre Hauptfigur Irene musste diese am eigenen Leib erfahren. Diese Erfahrungen lassen Irene auch im dritten Teil nicht los, sie beginnt dagegen zu kämpfen. Es wird deutlich, wie und warum die Arbeiter aufbegehrten, vor allem aber auch, warum die Frauen sich erhoben. Diese mussten nach einem langen Tag in der Fabrik, bei der sie nur ein Bruchteils des Gehaltes der Männer bekamen und oft schutzlos den Fabrikherren ausgeliefert waren, noch bis spät in die Nacht Heimarbeit verrichten. Ganz oft war ihr Gehalt dann auch dafür da, die Familie durchzubringen, da viele Männer ihr Geld in der nächsten Kneipe in Alkohol umsetzten.
Diese Erhebung der armen Bevölkerung drohte die komplette Gesellschaft zu verändern. So kam es nach Attentaten auf den Kaiser zu den „Sozialistengesetzen“. Diese sollten alle Bestrebungen der Sozialdemokratie (z.B. kürzere Arbeitszeiten) im Keim ersticken.
All das beschreibt Marie Lacrosse so lebendig und lebensnah, als Leser hat man das Gefühl, dass man direkt neben dran steht und alles hautnah miterlebt. Teilweise musste ich sehr schlucken.

Fazit: Berührend. Ein fulminanter Abschluss einer absolut empfehlenswerten Reihe. Unbedingt lesen, ich bin tief beeindruckt und es wird noch lange nachklingen.

Hinweis: Das Buch habe ich freundlicherweise vom Verlag Goldmann bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.

„Die Schwestern vom Ku’damm -Wunderbare Zeiten“

von Brigitte Riebe

Erschienen am 17. September 2019 im Wunderlich Verlag
ISBN: 978-3805203340
https://www.rowohlt.de/hardcover/brigitte-riebe-die-schwestern-vom-ku-damm-wunderbare-zeiten.html

Das Buch „Die Schwestern vom Ku‘damm: Wunderbare Zeiten“ von Brigitte Riebe spielt in den 50er Jahren in West-Berlin und zeigt, wie die Hauptfigur Silvie Thalheim ihren Platz im Leben sucht.

Coverrechte: Wunderlich Verlag

Wir befinden uns wieder in West-Berlin: Das Modekaufhaus Thalheim floriert, vor allem wegen des unermüdlichen Einsatzes von Silvies älterer Schwester Rike. Doch dieser Einsatz wird von dem Vater nicht gesehen, er setzt seinen Sohn Oskar, Silvies Zwillingsbruder, wieder als Geschäftsleitung ein. Der Vater ist froh, dass es nun endlich wieder einen männlichen Geschäftsführer gibt und will nicht sehen, dass Oskar, nach sieben Jahren in russischer Gefangenschaft, überhaupt nicht der Sinn danach steht ein so großes Geschäft zu führen. Rike leidet unter der Zurücksetzung durch ihren Vater.
Und dann ist da noch Silvie: Auch für sie spielt das Kaufhaus nicht die Hauptrolle in ihrem Leben: Sie möchte das Leben genießen und Karriere beim Rundfunk machen. Mit viel Engagement und Begeisterung baut sie eine Radiosendung auf – diese wird ein voller Erfolg.
Leider ist ihr Privatleben alles andere als erfolgreich. Sie verliebt sich ständig in die falschen Männer, die es nicht gut mit ihr meinen. Ein Mann, ein Haus und ein Kind stehen für sie in weiter Ferne.
So steht die Familie Thalheim eine turbulente Zeit bevor, es gibt wundervolle Momente, aber auch sehr tragische Erlebnisse…

Vor einem Jahr habe ich den ersten Teil „Die Schwestern vom Ku‘damm – Jahre des Aufbaus“ gelesen und wartete seit dem gespannt auf die Fortsetzung. Ich wollte unbedingt wissen, wie es mit der Familie Thalheim weitergeht.
Es war ein so schönes Gefühl, als ich den zweiten Teil endlich in den Händen halten konnte.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Rowohlt Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

Auf den ersten Seiten war ich etwas „erschlagen“ von den vielen Namen, aber nach kurzer Zeit war ich wieder in der Geschichte angekommen und erinnerte mich an die Geschehnisse und die Figuren aus dem ersten Teil.

In diesem Teil steht Silvie im Vordergrund der Geschehnisse. Ein Zitat, welches diesen wunderbaren Charakter beschreibt:

„Weil du das Herz der Familie bist, Silvie. Du fühlst, wo andere denken oder urteilen …“ (Seite 425).

Silvie ist ein Gefühlsmensch, sie handelt oft, bevor sie denkt und lässt sich von ihrem Herzen treiben. Eine Figur, mit der ich mich identifizieren konnte. Sie sucht sich ihren eigenen Weg, möchte nicht hinter ihrer großen Schwester Rike herlaufen.
Aber auch die anderen Figuren in diesem Buch sind wieder sehr intensiv und lebensecht gezeichnet: Rike, Oskar, Flori, Carl … alles Figuren, die mir ans Herz gewachsen sind. Sie haben alle ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen und sie müssen einige Rückschläge und Schicksale verkraften.
Oskar wird eine Buch-Figur sein, die ich nie wieder vergessen werde: Was musste diese Kriegsgeneration alles durchmachen und dann wurde verlangt, dass sie nach diesen Erlebnissen wieder ein normales Leben leben sollten. Mit geklauter Jugend, mit geklauten Träumen und nie verarbeiteten Traumata.

Den geschichtliche Hintergrund bildet das aufblühende West-Berlin nach Ende des zweiten Weltkrieges. Hier werden der Konflikt und die Spannungen zwischen West und Ost ganz deutlich. Auch der Arbeiteraufstand in der russisch besetzten Zone und in Ost-Berlin wird in die Handlung mit eingebunden.
Mit der Familie Thalheim erlebt man all diese geschichtlichen Begebenheiten, als ob man selber dabei gewesen wäre.
Der Flair des Wirtschaftsaufschwungs, die Musik und die Literatur in den 50er Jahren: Brigitte Riebe hat mit „Die Schwestern vom Ku‘damm: Wunderbare Zeiten“ eine wahre Zeitmaschine gebastelt.
Das Buch lässt sich gut lesen, es hat keine Längen, nie kommt Langeweile auf. Die Sprache ist sehr lebendig und bereitet ein großes Lesevergnügen.

Fazit: Dieser zweite Teil steht dem ersten Teil in Nichts nach. Absolut empfehlenswerte Lektüre. Was freue ich mich auf den dritten Teil.

Hinweis: Das Buch habe ich freundlicherweise vom Rowohlt-Verlag zugesendet bekommen. Dies hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.