„Peggy Guggenheim und der Traum vom Glück“

von Sophie Villard

Erschienen am 10. August 2020 im Penguin-Verlag
ISBN: 978-3-328-10488-9
https://www.randomhouse.de/Paperback/Peggy-Guggenheim-und-der-Traum-vom-Glueck/Sophie-Villard/Penguin/e555147.rhd

Das Buch „Peggy Guggenheim und der Traum vom Glück“ von Sophie Villard zeigt das Leben von Peggy Guggenheim in den Jahren 1937 bis 1942, eine Zeit, in der sie auf der Suche nach persönlichem Glück ist, aber auch im Kampf für die Kunst alles aufs Spiel setzt.

Coverrechte: Penguin-Verlag

Das Jahr 1937 neigt sich dem Ende zu. Auch die Zeit in Paris geht für Peggy Guggenheim zu Ende – sie möchte in London eine Gallerie, ihre „Guggenheim Jeune“, eröffnen. Der Abschied von der Stadt, von den Menschen fällt ihr schwer. Die Beziehung mit dem Schriftsteller Samuel Beckett macht den Weggang auch nicht gerade leichter.
Doch am Horizont ziehen unaufhaltsam die dunklen Wolken des Krieges auf und bedrohen viele Künstler in ihrer Existenz. Niemand kann einschätzen, wie es weitergeht – Peggy Guggenheim schreitet zur Tat. Sie verhilft vielen Künstlern zur Flucht, kauft aber auch Kunstwerke der Künstler, um die Kunst dieser Zeit zu bewahren – ihre Familie und ihre große Liebe bringt sie damit aber in immer größere Gefahr.

Das Buch habe ich auf dem „Bloggerportal von Randomhouse“ entdeckt. Cover und Titel weckten sofort mein Interesse. Ich habe schon so einiges von Peggy Guggenheim gehört, aber noch nichts gelesen. Der Name Guggenheim stand für mich lange mit dem Untergang der Titanic in Verbindung, da Peggys Vater bei diesem Unglück sein Leben verlor. Es wurde also mal Zeit, etwas mehr über Peggy Guggenheim zu erfahren.
Das Buch habe ich dann freundlicherweise vom Penguin-Verlag als Rezensionsexemplar zugesendet bekommen.
An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an den Penguin-Verlag für die Zusendung.

Ab der ersten Seite hat mich das Buch „Peggy Guggenheim und der Traum vom Glück“ in seinen Bann gezogen. Vor meinen Augen wurden Abendgesellschaften in Paris lebendig, ich nahm an Diskussionen teil und lernte viele Künstler kennen, die ich bisher nur mit Namen kannte.
Peggy mochte ich von Anfang an – auch wenn sie anfangs sehr zielstrebig wirkt, plagen sie doch auch immer wieder Selbstzweifel. Ihr gelingt nicht alles, was sie sich vornimmt, sie muss auch Rückschläge hinnehmen. Sie ist mutig, wagt einen Neuanfang in London, bleibt aber Paris immer treu. Im Nachwort wird sie als erste „Weltbürgerin“ bezeichnet. Und genau so nahm ich sie auch wahr: Sie liebt Paris über alles,kommt auch immer wieder dorthin zurück, fasst aber auch in anderen Ländern Fuß und findet dort auch immer das Schöne.
In ihrem Privatleben geht alles etwas drunter und drüber: Ihre Mutter ist noch nicht lange tot, sie ist geschieden, ihre Kinder in Internaten. Ihr Ex-Mann hat sich eine neue Familie aufgebaut, Peggy kann sich treiben lassen. Mit dem Erbe ihres Vaters kann sie sich selbst verwirklichen, aber eines fehlt ihr… oder auch nicht: Ein Mann. Sie hat viele kurze Affären, verliert auch oft ihr Herz, aber ob sie wirklich einen Mann in ihrem Leben braucht weiß sie nicht. Sie liebt ihre Unabhängigkeit, sehnt sich aber auch nach Liebe und Geborgenheit.
Und als sie den Entschluss fasst, den Künstlern zu helfen, die Kunst zu bewahren, hat sie bei mir noch mehr Sympathie-Punkte hinzugewonnen. Eine Frau der Tat, die auch vor Gefahren nicht zurückschreckt und sich nicht unterkriegen lässt. Sie ist für immer andere Menschen da.
Peggy Guggenheim steht in diesem Buch sehr im Mittelpunkt, aber auch die anderen Charaktere, die um sie herum agieren, empfand ich sehr lebendig und authentisch beschrieben. Jeder Charakter wurde äußerlich beschrieben, durch seine Eigenheiten und seine Handlungen konnte ich dann den Menschen richtig kennen lernen. Es machte Spaß, so manche historische Figur auf diese Weise näher zu kommen.

Die Sprache von Sophie Villard empfand ich als sehr angenehm und farbenfroh. Sie beschreibt Menschen mit so viel Gefühl und so vielen Details, dass ich ein genaues Bild vor Augen hatte. Aber auch Städte, hier allen voran Paris, und auch Landschaften beschreibt sie mit so viel Liebe. Paris, eine Stadt, die ich noch nie real besucht habe, habe ich mit diesem Buch besucht und durch Peggys Augen kennen und lieben gelernt.
Aber auch die anderen Orte, an denen das Buch spielt, wurden vor meinem inneren Auge lebendig. Die Ruhe an einem abgelegenen Strand in Portugal, der Tumult in New York, wo sich Menschenmassen rastlos durch die breiten Straßen drängen. In New Orleans hörte ich Bands zu, spürte die Lebensart der Bevölkerung.

Das große Thema in diesem Buch ist die Kunst des 20. Jahrhunderts. Peggy Guggenheim lebte für die Kunst – vor allem für die Moderne Kunst.
Ihr ist es zu verdanken, dass viele Kunstwerke überlebt haben. Das machte sie nicht, um sich daran zu bereichern, ihr war wichtig, dass diese Kunst bewahrt wird und für die Öffentlichkeit zugänglich wird.
Doch nicht nur Kunstwerke hat sie gerettet: Ein anderes großes Thema ist die Emigration der Künstler-Elite in die USA. Peggy Guggenheim hat einigen Künstlern diese Flucht überhaupt erst möglich gemacht. Anfangs wollte sie von der Politik nicht wirklich was hören. Doch je dunkler die Wolken am Horizont wurden, desto mehr wusste Peggy, dass sie handeln musste.
Mit Mut und Leidenschaft stand sie für die Künstler und deren Kunstwerke ein – eine beeindruckende Frau, die nie vergessen werden sollte.

Ein Buch, welches ich immer wieder gerne in die Hände genommen habe. Durch das Buch habe ich noch mal einiges in Sachen Kunst und die Künstler dazu gelernt. Ich habe Peggy Guggenheim und all die anderen Menschen um sie herum kennengelernt, spazierte mit ihr durch die verschiedensten Städte und Landschaften und begab mich mit ihr auf die Suche nach Kunstwerken.

Fazit: Ein Buch, was mich auf eine emotionale Reise mitgenommen hat, von der ich gehofft hatte, dass sie nie endet.

Hinweis: Das Buch habe ich freundlicherweise vom Penguin-Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.


„Die englische Gärtnerin – Weißer Jasmin“

von Martina Sahler

Erschienen am 03.08.2020 im Ullstein Verlag
ISBN: 9783548060736
https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/die-englische-gaertnerin-weisser-jasmin-die-gaertnerin-von-kew-gardens-3-9783548060736.html

Hinweise: Bitte lest diese Rezension nicht, wenn ihr den ersten Teil der Reihe („Die englische Gärtnerin – Blaue Astern“) und den zweiten Teil („Die englische Gärtnerin – Rote Dahlien) noch nicht kennt. Diese Rezension könnte euch sonst spoilern.
Meine Rezensionen zu den ersten beiden Teilen findet ihr hier:
– „Die englische Gärtnerin – Blaue Astern“
– „Die englische Gärtnerin – Rote Dahlien“

Das Buch „Die englische Gärtnerin – Weißer Jasmin“ ist der dritte Teil um die Botanikerin Charlotte, die im Jahr 1929, das Jahr der Wirtschaftskrise, vor großen Entscheidungen und vielen Abschieden steht.

Coverrechte: Ullstein Verlag

Es ist das Jahr 1926: Gespannt erwartet Charlotte Besuch der ‚Linnean Society‘. Von dieser Gesellschaft erhofft Charlotte sich eine Medaille, eine Auszeichnung für ihren Garten. Doch zu dieser Auszeichnung soll es nicht kommen. Ihr wird ans Herz gelegt, zu promovieren, vorher hätte sie keinerlei Chance auf Anerkennung.
Drei Jahre später schlittert die Papierfirma von Charlottes Mann Victor immer mehr in finanzielle Schwierigkeiten. Ein Kunde nach dem anderen springt ihm ab, schon bald weiß er nicht mehr, wie es weitergeht.
Charlotte kümmert sich weiter mit Hingabe um ihren Garten, ihre kleine Tochter Eliza Rose steht ihr in Begeisterung für die Pflanzenwelt in Nichts nach.
‚Summerlight House‘, der Wohnsitz ihrer Familie leert sich – immer mehr Menschen, die Charlottes Leben mit ausgemacht haben, verabschieden sich.

Da ich die ersten beiden Teile der Reihe mit Begeisterung gelesen habe, musste ich diesen letzten Teil der natürlich auch direkt lesen.


Die Charaktere sind mir mittlerweile sehr ans Herz gewachsen, vor allem Charlotte. Es ist immer wieder schön, wenn Figuren eine Wandlung durchmachen, sich dabei aber trotzdem selbst treu bleiben. Genau so ist Charlotte. Sie kämpft, sie leidet, sie fällt, sie steht auf. Ein einzigartiger Charakter. Immer wieder muss sie sich den gesellschaftlichen Normen anpassen, was ihr immer schwerer fällt und sie auch immer mehr in Frage stellt.
Victor, ihr Ehemann, sind diese gesellschaftlichen Normen nach wie vor wichtig. Einerseits lässt er Charlotte wieder sehr viele Freiräume, schränkt sie aber auch mit unter sehr ein. Er ist ein Mensch, der vieles mit sich selbst ausmacht, Charlotte aber auch als enge Vertraute sieht. Mit ihr kann er reden, auch wenn er an ihren Lösungsvorschlägen eher weniger interessiert ist.
Natürlich verändern sich auch die Charaktere um Charlotte, allen voran ihre junge Schwester Debbie. Am Anfang des ersten Buches noch ein Kind ist sie mittlerweile nun eine erwachsene Frau, die ihren Weg geht. Sie hat mich mit ihren Entscheidungen doch sehr oft überrascht.
Leider spielen Aurora, eine meiner Lieblingen, in diesem Teil nur eine Rolle am Rande. Sie lebt mittlerweile mit ihrem Mann Robert, Charlottes Bruder, und ihrer Pflegetochter in den USA. Dort ist sie glücklich, sie scheint im Leben endlich ihren Platz gefunden zu haben.
Es kommen noch die ein oder anderen neuen Figuren in diesem Teil dazu. Alle Figuren haben eine tolle Geschichte, die mich sehr begeistert haben. Sie fügen sich gut zu den anderen Charakteren hinzu und es machte Spaß, ihre Entwicklungen mit anzusehen.
Spannend fand ich auch, dass sie auch reale Persönlichkeit unter die fiktiven Charaktere mischen. Welche das sind, bespricht die Autorin in ihrem ausführlichen und spannenden Nachwort.
Der Abschluss einer Reihe ist immer sehr emotional, auch, oder vor allem bei dieser Reihe. Selten habe ich Charaktere und den Handlungsort so ins Herz geschlossen wie diese. Alles hat halt leider mal ein Ende.

Ich konnte der Handlung des Buches immer gut folgen. Ich konnte das Buch teilweise nur noch schwer aus den Händen legen, weil ich unbedingt wissen musste, wie es weitergeht.
Die Sprache ist immer sehr flüssig, mit vielen Details, aber niemals langweilig.
Bemerkenswert finde ich immer wieder, wie akribisch Martina Sahler recherchiert hat: Sie hat die Gärten in England des 20. Jahrhunderts vor meinen Augen entstehen und wachsen lassen. Jeder, der sich für Pflanzen und Gartenarchitektur interessiert, ist mit dieser Reihe bestens bedient.

Auch in diesem Buch wird der gesellschaftliche Stand der Frauen in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder sehr deutlich. Ja, es gab mittlerweile das Frauenwahlrecht, Frauen durften auch studieren und promovieren – aber von Gleichberechtigung war man noch meilenweit entfernt. Ohne Mann war es für eine Frau unmöglich in der Gesellschaft zu bestehen.
Die Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929, die mit dem Börsencrash am 24. Oktober 1929 in New York begann, ist „Die Englische Gärtnerin – Weißer Jasmin“ ein großes Thema. Es wird klar, wie schnell es ging, dass Unternehmen in den Ruin gingen. Auch die besten Beziehungen konnten viele (auch große) Unternehmen nicht retten.Die große Arbeitslosigkeit trieb die Arbeiter auf die Straße, sorgte für Tumulte und Unfrieden. Ein sehr spannendes, aber auch trauriges Kapitel der Weltgeschichte.

Mir hat der dritte Teil dieser Reihe außerordentlich gut gefallen. Es bricht vieles auseinander, anderes fügt sich zusammen. Es ist ein wunderbarer Abschluss einer wirklich empfehlenswerten Reihe.

Fazit: Unbedingt lesen. Kopfkino vom Feinsten.

Hinweis: Das Buch habe ich gekauft.

„Die englische Gärtnerin – Rote Dahlien“

von Martina Sahler

Erschienen am 02. Juni 2020 im Ullstein Verlag
ISBN: 978-3548060729
https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/die-englische-gaertnerin-rote-dahlien-die-gaertnerin-von-kew-gardens-2-9783548060729.html

Hinweise: Bitte lest diese Rezension nicht, wenn ihr den ersten Teil der Reihe („Die englische Gärtnerin – Blaue Astern“) noch nicht kennt und noch lesen wollt. Diese Rezension könnte euch sonst spoilern.
Hier findet ihr meine Rezension zu dem ersten Teil:

„Die englische Gärtnerin – Blaue Astern“

Das Buch „Die englische Gärtnerin – Rote Dahlien“ ist der zweite Teil um die Botanikerin Charlotte, die im Jahr 1923 einen Garten anlegen möchte, der für Aufsehen sorgen soll.

Coverrechte: Ullstein Verlag

Die Handlung setzt dort an, an der der erste Teil endete: Charlotte Bromberg, geborene Windley, immer noch herrlich chaotisch, arbeitet nach wie vor in den Kew Gardens. Als Frau eher ungewöhnlich und so dauert es nicht lange, bis sie diese Stelle schweren Herzens aufgeben muss.
Charlotte lässt sich von diesem beruflichen Rückschlag aber nicht unterkriegen, sondern wendet sich einem anderen Großprojekt zu: Der Gestaltung des riesigen Anwesens ihres Mannes Victor. Rund um das ‚Summerlight House‘ entsteht ein Garten, der für Aufsehen sorgen soll.
Dafür reist Charlotte in Begleitung von Aurora und ihres Gärtners Quinn quer durch England, auf der Suche nach neuen Pflanzen. Diese Reise wird nicht nur eine Suche nach Pflanzen, Charlotte entflieht damit auch den Pflichten der englischen Upper Class, die sie immer mehr einengen. Aber nicht nur das: Auch mit Quinn erfährt sie eine neue Freiheit und kommt ihm näher, als sie sollte.

Da ich den ersten Teil (hier findet ihr meine Rezension) mit großer Begeisterung gelesen habe, musste ich den zweiten der Geschichte rund um Charlotte auch lesen. Ich wollte unbedingt wissen, wie es mit Charlotte, Victor, Robert, Elizabeth, Debbbie und Aurora weitergeht. Sie sind alle Charaktere geworden, die mir sehr ans Herz gewachsen sind.

Es gibt in diesem Teil ein paar neue Charaktere, einige Charaktere werden vertieft. Nach wie vor steht Charlotte aber sehr im Vordergrund.
Charlotte ist eine Frau, die eigentlich frei sein möchte, aber immer mehr unter den Verpflichtungen leidet, die in der englischen Upper Class gelten. Sie ist auf der einen Seite eine gute Gastgeberin, auf der anderen Seite langweilt sie sich bei Empfängen, Dinner oder Festen sehr. Ihr Ehemann Victor vergöttert sie, er legt ihr aber auch Fesseln an. Ich denke, dass er das auch machen muss, um sein Gesicht in der Gesellschaft zu wahren. Trotz allem trägt er seine Frau auf Händen, schenkt ihr sogar eine Forschungsreise in den Orient und nimmt dafür alle Strapazen in Kauf.
Der Gärtner Quinn ist ein sehr spannender Charakter: Gefangen in einer unglücklichen Ehe, aber ein sehr liebevoller Vater. Für seine Söhne ist er immer da, seine Frau geht ihm nur noch auf die Nerven. Da flüchtet er sich lieber in den Garten von ‚Summerlight House‘. Hier kann er arbeiten und mit Charlotte Fachgespräche führen. Im ersten Teil der Reihe konnte er Charlotte noch nicht richtig einschätzen, in diesem Teil wird sie ihm sehr wichtig.
Aurora macht in diesem Teil eine wunderbare Wandlung durch. Sie erkennt sich selbst als Frau und kann mit Ideen und Tatkraft so manchen Plan umsetzen. Sie hat mir in diesem Teil nochmal besser gefallen, als im ersten. Da war sie sehr oft das Elend auf zwei Beinen – hier ändert sie etwas.
Auch Robert, Charlottes querschnittgelähmter Bruder, wandelt sich in diesem Buch. Er ist ein sehr undurchschaubarer Charakter, der sich immer mal wieder von seinen Launen leiten lässt.
Elizabeth, Charlottes Mutter, ist gezeichnet von ihrer schweren Krankheit. Sie ist aber trotzdem für ihre Kinder da, sie hört zu und gibt ihren Kindern Denkanstöße.
Jeder Charakter in diesem Buch konnte mich überzeugen, da sie alle so unterschiedlich, aber lebensecht beschrieben sind. Sie machen (große) Fehler, sie haben auch mal schlechte Laune, aber sie lieben das, was sie tun. Vor allem Charlotte: Es ist eine Freude mit ihr neue Pflanzen zu finden, Ableger und Samen zu nehmen, Pflanzen zu setzen …

Die Sprache von Martina Sahler ist sehr detailliert, aber kein bisschen langweilig. Sie beschreibt den Duft der Pflanzen, die Hitze in den südlichen Ländern so intensiv, dass ich das Gefühl hatte, neben Charlotte zu stehen und sie zu begleiten.

Das große Thema in diesem Buch ist, wie schon im ersten Teil, der Stand der Frau in den 20er/ 30er Jahren des 19. Jahrhunderts in der höheren Gesellschaft. Frauen wurden zwar ausgebildet, durften auch studieren, aber wenn sie verheiratet waren, sollten sie sich bitte dem Mann unterordnen, Kinder bekommen und voll in der Rolle der Hausfrau und Mutter aufgehen. Machte das Frau nicht, war sie gleich das Gesprächsthema der Gesellschaft. Charlotte hat einen unbändigen Freiheitsdrang. Die Ehe mit Victor gibt ihr Sicherheit, die große Erfüllung aber nicht.
Ein anderes Thema ist die Entdeckung der Pflanzenwelt: Zu dieser Zeit gab es noch so viele unentdeckte Pflanzen, es musste geschaut werden, welchen Standort sie vertragen. Hier merkt man, wie sehr und wie genau Martina Sahler recherchiert hat.

Mir hat der zweite Teil noch besser gefallen als der erste Teil. Ich kam den Charakteren nochmal näher. Das Buch hat mich bestens unterhalten und ich konnte völlig in der Geschichte abtauchen. Ich bin sehr gespannt auf den dritten Teil.

Fazit: Eine spannende Fortsetzung. Berührend und intensiv.

Hinweis: Das Buch habe ich mir gekauft.

„Kinder ihrer Zeit“

von Claire Winter

Erschienen am 27. Juli 2020 im Diana Verlag
ISBN: 978-3453291959
https://www.randomhouse.de/Buch/Kinder-ihrer-Zeit/Claire-Winter/Diana-Verlag/e517284.rhd

Das Buch „Kinder ihrer Zeit“ von Claire Winter handelt in der Zeit, als Berlin ein Spielball zwischen Ost und West wurde und der Kalte Krieg einen neuen Höhepunkt erreichte.

Coverrechte: Diana-Verlag

Der Prolog des Buches setzt im Juni 1961, zwei Wochen vor Mauerbau an. Ein Mann läuft durch Wien, er ist bewaffnet und verschafft sich Zutritt zu dem Hotelzimmer einer jungen Frau.
Dann geht es zurück in das Jahr 1945 nach Ostpreußen. Es ist Winter, als eine Mutter mit ihren Zwillingen Alice und Emma die Flucht wagt. Weit kommen sie nicht, denn Alice wird krank, sie finden bei einer hilfsbereiten Bäuerin Unterschlupf. Kurze Zeit später wird Alice durch einen grausamen Zwischenfall von ihrer Mutter Rosa und der Schwester Emma getrennt.
12 Jahre später, Emma wohnt mit ihrer Mutter in West-Berlin. Sie hat den Verlust ihrer Schwester Alice nie überwunden, ihre Mutter rechnet fest damit, dass Alice nicht mehr lebt. Doch in Emma wachsen Zweifel und sie beginnt Nachforschungen nach ihrer Schwester.

„Kinder ihrer Zeit“ von Claire Winter war mein erstes Buch der Autorin. Ich habe es immer mal wieder in den Sozialen Medien gesehen, das Cover, aber auch der Klappentext machten mich sehr neugierig. Dieses Buch wollte ich unbedingt lesen, da mich der Konflikt zwischen der DDR und der BRD schon immer sehr interessiert hat, vor allem aber die Geheimdienste und die Geschichte der Spione.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Diana-Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplars.

Durch den Prolog des Buches, der im Jahr 1961 ansetzt, war ich gleich in der Geschichte angekommen. Er wirft viele Fragen auf, da nicht klar ist, wie es zu dieser Begebenheit kam. Die Handlung geht dann 16 Jahre zurück und sorgte bei mir für Gänsehaut. Die Flucht der Menschen aus Ostpreußen, die Angst und die Verzweiflung waren mit jedem Wort zu spüren. Unvorstellbar, was die Menschen damals durchgemacht haben – sie mussten ihr komplettes Leben aufgeben, alles zurück lassen und waren völlig sich selbst überlassen.
Emma und Alice lernen wir als 11 Jährige Mädchen kennen, ein Alter, in dem man noch eigentlich noch völlig arglos und fröhlich durchs Leben gehen sollte. Doch das ist den Beiden nicht vergönnt. Mit einem ungewissen Ziel sind die beiden mit ihrer Mutter auf der Flucht.
Fünf Jahre später, Emma ist inzwischen 16 und wohnt mit ihrer Mutter in West-Berlin. Sie ist ein sehr liebes und verständnisvolles Kind, aber auch zutiefst verunsichert. Sie vermisst ihre Schwester, hegt immer wieder Hoffnungen, dass ihre Schwester noch lebt. Doch ihre Mutter Rosa möchte von diesen Hoffnungen nichts hören. Den Suchantrag, den Emma gestellt hat, zerreißt sie. Für sie ist ihre Tochter Alice tot.
Emmas Freund Max, mit dem sie schon seit Jahren befreundet ist, aber keine Beziehung führt, ist ihre Stütze. Bei ihm kann sie sich ausweinen und er gibt ihr neue Denkanstöße. Er ist eine Figur, die den Leser im gesamten Buch begleitet. Er gerät auch in Zwickmühlen und hat Probleme, ist aber trotzdem immer für andere da. Vor allem für seine Freundin Emma gibt er alles.
Rosa ist ein Charakter mit einer Tiefe, die man selten in Büchern findet. Gezeichnet vom Verlust ihres Ehemanns und einer Tochter lässt sie sich nicht unterkriegen. Sie ist gesundheitlich sehr angeschlagen. Sie möchte um das Verschwinden ihrer Tochter Alice keine Gewissheit haben.
Im Laufe des Buches kommen noch einige Charaktere hinzu, die alle so hinreißend authentisch gezeichnet sind. Jeder Charakter hat mich überzeugt, in seinem Handeln, aber auch im Denken. Sie geben ein gutes Bild der Menschen zu dieser Zeit ab, wie sie dachten und fühlten. Interessant fand ich, auch mal zu lesen, wie die Menschen den Sozialismus gesehen haben, wie sie ihn auch erlebt und auch verteidigt haben.

Die Sprache von Claire Winter ist sehr detailliert ohne dabei langweilig zu sein. Die Handlung wird immer weiter erzählt und es baut sich immer wieder Spannung auf. Ich habe mit den Figuren sehr mitgefiebert, hatte Gänsehaut und auch feuchte Hände, weil es teilweise so spannend wurde.
Das Cover des Buches ist sehr eindrucksvoll und sprach mich direkt an. Es zeigt auch eine Teilung in Form einer Mauer, die durch die Mitte des Covers geht. Auf der einen Seite sind Grenzsoldaten zu sehen und Arbeiter, die die Mauer hochziehen. Auf der anderen Seite der Mauer läuft eine Frau in einem bunten Kleid und zieht damit alle Blicke auf sich. Sie steht für den aufblühenden Westen der Stadt.

Die Themen des Buches sind sehr vielfältig, das große Thema ist aber der Konflikt zwischen Ost und West. Dieser Konflikt war in Berlin so spürbar, wie sonst nirgends, da am Anfang noch ein reger Verkehr über die Grenze möglich war. Viele Ost-Berliner hatten das aufblühende West-Berlin direkt vor Augen und die Regierung der DDR hatte immer mehr Probleme die Menschen in der DDR zu halten. Immer mehr Flüchtlinge kamen in Flüchtlingslagern in West-Berlin an. Diese Menschen mussten auch alles zurück lassen, und ob sie dann auch wirklich aufgenommen wurden, stand auf einem anderen Blatt.
Spannend fand ich das Thema Geheimdienste und Spionage ja schon immer. In diesem Buch ist es ein großes Thema und sehr spannend aufgearbeitet, ich habe so einiges Neues dazu gelernt.
Wie schnell man als Bürger in der DDR ins Visier der STASI kommen konnte und auch wie man dann auch zwischen die Fronten der Geheimdienste geraten konnte, hat mich sehr schockiert und fassungslos gemacht.
Am Anfang des Buches steht die Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen. Wie schon oben beschrieben sorgt dieses Thema bei mir immer wieder für Gänsehaut. Vor allem dann, wenn es um die sogenannten „Wolfskinder“ geht. Es ist immer wieder erschreckend, wie aktuell das Thema Flucht ist.
Durch dieses Buch habe ich einiges an Wissen dazugewonnen, aber auch altes Wissen wieder aufgefrischt. Einige Begebenheiten sind mir nun klarer und ich habe das Gefühl, dass ich bei einigen Historischen Momenten live dabei war und auch die ein oder andere Historische Figur getroffen habe.

Fazit: Spannend und lebendig geschrieben. Hier wird Geschichte lebendig und erlebbar. Unbedingt lesen. Ein Highlight.

Hinweis: Dieses Buch habe ich freundlicherweise vom Diana-Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen, es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.

„Riviera – Der Weg in die Freiheit“

von Julia Kröhn

Erschienen am 15. Juni 2020 im Blanvalet Verlag
ISBN: 978-3734108099
https://www.randomhouse.de/Paperback/Riviera-Der-Weg-in-die-Freiheit/Julia-Kroehn/Blanvalet/e555829.rhd

Hinweise: Alle angeführten Zitate in dieser Rezension beziehen sich auf die gedruckte Ausgabe des Buches.
+++ ACHTUNG: Wenn ihr den ersten Teil noch nicht kennt, kann diese Rezension über den zweiten Teil SPOILER enthalten+++

Das Buch „Riviera – Der Weg in die Freiheit“ von Julia Kröhn ist der zweite und letzte Teil einer Buchreihe, in der die beiden Freundinnen Ornella und Salome im Mittelpunkt der Geschichte stehen und in den Jahren von 1938 bis 1945 in Südfrankreich angesiedelt ist.

Coverrechte: Blanvalet Verlag

Die Handlung beginnt dort, wo der erste Teil aufgehört hat: die mittlerweile 24jährige Salome ist im Jahr 1938 Fremdenführerin in Italien und führt dort mit Witz und Charme Touristen aus Deutschland auf den vermeintlichen Spuren Hitlers durch Rom. Doch nicht nur das: Sie nutzt die Trips nach Rom, die das Reisebüro ihren Vaters organisiert, um jüdischen Familien die Ausreise aus Deutschland zu ermöglichen.
Doch auch hier sind die jüdischen Familien nicht mehr lange sicher, da Mussolini diese nicht länger in seinem Land haben möchte. Salome organisiert die Flucht über das Mittelmeer nach Frankreich. Auf einer der Überfahrten kreuzt sich ihr Weg mit Félix, der mit ihrer Freundin Ornella verheiratet ist, sein Herz aber eigentlich an Salome verloren hat. Félix möchte auch nicht tatenlos zusehen, was in Deutschland passiert und bringt die Emigranten in seinem Hotel an der Mittelmeerküste unter.
Wenig später bricht der Zweite Weltkrieg aus und die deutsche Wehrmacht fällt in Frankreich ein. Damit wird auch die Lage der jüdischen Emigranten noch problematischer. Salome und Félix treten in den aktiven Widerstand gegen das NS Regime und brechen mit Ornella, die mit ihrer Tochter, ihrem ehemaligen Kindermädchen Rosa und Félix‘ Mutter Hélène in Saint Tropez zurück bleibt.

Im Mai 2020 habe ich den ersten Teil der Reihe gelesen: „Riviera – Der Traum vom Meer“. Meine Rezension findet ihr hier. Auch wenn nur knappe zwei Monate zwischen dem Erscheinen lagen, konnte ich es kaum erwarten, wie es weitergeht. Schon im ersten Teil war ich von den starken und eindrucksvollen Charakteren, so wie von der poetischen Sprache sehr begeistert.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Blanvalet Verlag für die Zusendung des Buches als Rezensionsexemplar.

Von der ersten Seite an war ich wieder in der Geschichte angekommen. Die Handlung setzt genau dort an, wo der erste Teil aufgehört hat. Ich war gespannt, ob Salome ihr Versprechen, welches sie sich am Ende des ersten Bandes selbst gibt, auch in die Tat umsetzen wird. Und sie setzt es um, mit großer Entschlossenheit und Stärke und Selbstlosigkeit. Salome ist eine Frau, wie wir sie in der heutigen Zeit auch brauchen könnten. Sie macht zwar Fehler, versucht aber alles und bringt sich damit selbst in Gefahr.
Die anderen Charaktere haben mich mit ihrer Tiefe, ihren Stärken und Schwächen ebenfalls sehr beeindruckt. Vor allem ist hier Félix zu nennen, eine Figur, die ich nie vergessen werde. Auf der einen Seite mag er Menschen nicht, ist ein Mensch, der oft böse und verletzende Sachen sagt. Aber dem menschenverachtenden Treiben in Deutschland und Italien kann er nicht tatenlos zusehen.
Ornella übernimmt einen tragischen Teil der Geschichte: Sie hat aus ihrer einseitigen Liebe Félix geheiratet ist aber alles andere als glücklich. Ihr wird bewusst, dass sie Félix von Anfang an um Salome betrogen hat und damit auch ihre tiefe, innige Freundschaft mit Salome verloren hat.
Ganz besonders mitgenommen hat mich das Schicksal der jüdischen Familie Feingold, der Salome und Felix zur Flucht verhelfen. Sie verlieren ihre Heimat, ihre Wurzeln, werden immer wieder irgendwo versteckt und wieder herausgerissen. Immer umgeben von der Angst aufzufliegen und in Lager verbracht zu werden.
Wie im ersten Teil bestechen die Hauptfiguren, aber auch jede Nebenfigur mit Vielschichtigkeit und vielen Facetten. Jede Figur hinterlässt bei mir einen großen Eindruck und sie werden noch einige Zeit nachklingen. Félix Mutter agiert zwar nur am Rande, ist mir aber besonders ans Herz gewachsen.

Das große Thema ist die Flucht und Vertreibung. Mir wurde klar, wie aktuell dieses Thema ist, vor allem die Flucht über das Mittelmeer. Getrieben von der Hoffnung auf ein sicheres Leben, nehmen diese Menschen alles in Kauf: Überfüllte Boote, Unsicherheit und Ängste über ihre Zukunft. Sie lassen ihr gesamtes Leben, ihre Heimat, ihre Geschichte zurück. Das war damals so und heute ist es noch genau so.

[…] Zum ersten Mal war sie damals jener stummen Verzweiflung eines Menschen begegnet, der seine Heimat verloren hatte, ohne dafür eine Zukunft zu gewinnen, der nicht mehr selbst bestimmen konnte, was er war – Vater, Ehemann, Freund, Träumer, Kämpfer, Arzt , Künstler , sondern der in den Augen aller anderen nur mehr als eines wahrgenommen wurde: als ein Flüchtling.“ […] (S. 90/91, Z. 30 und 31 und 1 bis 5)

Entsetzt hat mich eine Szene, die in einem Lager spielt. Hier mussten die jüdischen Familien vor der bevorstehenden Deportation Aufstellung beziehen und die Entscheidung treffen, ihre Kinder an eine amerikanische Hilfsorganisation zu übergeben, die die Kinder in die USA bringt und dort Familien für sie sucht oder bei sich zu behalten und mit ihnen eine Reise in ein Konzentrationslager anzutreten. Ein geschichtlicher Aspekt, welcher mir neu war und mir sehr zusetzte. Ich konnte die Verzweiflung der Familien spüren und musste sehr mit den Tränen kämpfen.

Ein weiteres Thema ist der Beginn, Verlauf und das Ende des Zweiten Weltkriegs. Den Schwerpunkt legt Julia Kröhn auf die südfranzösische Region, und sie zeigt den Schrecken des Krieges und verpackt ihn eine direkte, aber auch sehr poetische Sprache:

„[…] sie blickte zum Himmel, von wo der Knall kam, sah, wie ein rotes Licht kurz durch Nebel blitzte, erlosch. Wahrscheinlich war ein feindliches Flugzeug getroffen worden und abgestürzt. Noch einer, ging es ihr durch den Kopf, noch einer zu viel, der stirbt, während die, die am Ende leben, immer zu wenig sein würde. […]“ (S. 404 Z. 12 – 17)

Sie zeigt aber auch, wie der Widerstand – „Résistance“ – gegen das NS Regime, in Frankreich auflebte, wie dieser agierte und was es für Strömungen gab. Ein, wie ich finde, sehr spannendes Thema, welches man zwar im Geschichtsunterricht angesprochen hat, mit diesem Buch ist man immer mitten drin.

Das Buch „Riviera – Der Weg in die Freiheit“ und der Vorgänger „Riviera – Der Traum vom Meer“ sind zwei Bücher, die noch lange nachklingen werden. Die Charaktere sind lebensnah, mit Stärken und Schwächen. Die Handlung ist fesselnd, auch wenn ich das ein oder andere mit den Tränen gekämpft habe, musste ich immer weiterlesen.

Fazit: Eine wertvolle Buchreihe, die ich euch sehr ans Herz lege. Der zweite Teil steht dem ersten Teil in Nichts nach, ich fand ihn sogar noch intensiver.

Hinweise: Das Buch habe ich freundlicherweise vom Blanvalet Verlag als Rezensionsexemplar bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst!

„Eine Liebe zwischen den Fronten“

von Maria W. Peter

Erschienen am 29. Juni 2020 im Lübbe Verlag
ISBN: 978-3404179893
https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/buecher/historische-romane/eine-liebe-zwischen-den-fronten/id_6801946

Das Buch „Eine Liebe zwischen den Fronten“ von Maria W. Peter zeigt den Ausbruch des Deutsch-Französische Krieges 1870/1871, vor allem aber, wie sich dieser Krieg auf die Grenzregionen Elsass und Lothringen ausgewirkt und Menschen auseinander gerissen hat.

Coverrechte: Lübbe Verlagsgruppe

Berlin im Juli 1870: Die junge Französin Madeleine Tellier könnte nicht glücklicher sein – sie feiert mit Paul Gerlau, einem preußischen Arzt, ihre Verlobung. In diese Verlobungsfeier platzt eine schreckliche Nachricht: Preußen und das Französische Kaiserreich befinden sich im Krieg. Paul wird sofort ins ferne Coblenz beordert, Madeleine verlässt mit ihrem Vater Berlin und reißt zurück in ihre lothringische Heimatstadt. Eine Reise, die einen großen Schicksalsschlag begleiten wird.
Wenig später befindet sich Paul an der Front, wo das große Sterben begonnen hat. Madeleine und ihr algerisches Hausmädchen Djamila kämpfen in Metz gegen das Sterben und gegen Madeleines Mutter, die vergangenen Zeiten hinterhertrauert. Zwischen Paul und Madeleine liegt nun eine Kriegsfront, sie sind sich teilweise nah und doch Welten voneinander entfernt.
Da taucht Madeleines älterer Bruder Clément auf – mit einem unbändigen Hass auf die Deutschen. Und auch das algerische Hausmädchen Djamila steht große Ängste um ihren Bruder Karim aus, der sich ebenfalls an der Französischen Front befindet und dem Tod näher ist als dem Leben.

Auf das Buch bin ich durch die sozialen Medien aufmerksam geworden, dort kündigte es die Autorin auf ihrer Seite an. Mir war klar, dass ich dieses Buch lesen muss, da ich die Bücher „Die Festung am Rhein“ und „Die Melodie der Schatten“ von Maria W. Peter sehr gerne gelesen habe. Außerdem findet man Bücher, die im 19. Jahrhundert spielen, momentan eher selten auf dem Markt und ich empfinde diese Epoche als eine sehr spannende Zeit, da sich aus dieser Zeit viel ableiten lässt, was dann im 20. Jahrhundert geschehen ist.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Verlag Lübbe und an die Autorin für die Zusendung eines Vorab-Exemplares.

Maria W. Peter hat in diesem Buch ganz besondere Charaktere geschaffen: Sie sind stark, gleichzeitig spielt das Leben aber auch ein unerbittliches Spiel mit ihnen, welches sie öfters an ihre persönlichen Grenzen bringt.
Madeleine war mir gleich auf den ersten Seiten sympathisch, sie hat ihr Herz am rechten Fleck, genoss eine gute Erziehung und Bildung und wird von ihrem Vater respektiert. Während der ersten 100 Seiten macht Madeleine eine große Entwicklung durch, sie lässt sich aber nicht unterkriegen. Eine starke und einfühlsame Person, die auch eine verletzliche Seite hat. Für ihr Glück mit Paul alles gibt sie alles und verliert dabei ihren Bruder Clément nicht aus den Augen. Auch ein Zerwürfnis mit ihrer Mutter wirft sie nicht aus der Bahn, ganz im Gegenteil: Es macht sie noch stärker.
Mit Paul ging es mir ähnlich: Er ist ebenfalls ein Kämpfer, der sich nicht so schnell von seinen Idealen abbringen lässt. Er zeigt als Arzt an der Front soviel Menschlichkeit und versucht dort den Soldaten zu helfen. Auch wenn er immer wieder an seine Grenzen gebracht wird, verliert er seinen großen Traum nicht aus den Augen: Ein gemeinsames Leben mit seiner geliebten Madeleine.
Madeleines Bruder Clément ist ein sehr tragischer Charakter: Schon früh hatte er das Gefühl, dass sein Vater ihn nicht ernst nimmt, er sogar im Schatten von Paul steht. Er ist eine Figur, die ständig auf der Suche nach sich selbst ist und verzweifelt versucht, Halt zu finden – dabei wirkt er immer rastloser.
Das algerische Geschwisterpaar Djamila und Karim hat eine sehr grausame und bewegte Geschichte, die sich erst nach und nach offenbart. Die Beiden sind lange Zeit voneinander getrennt, haben aber immer eine immense Verbindung zueinander.
Viele Charaktere agieren um die Hauptfiguren, und sie alle sind lebensnah gezeichnet, mit Stärken und Schwächen. Jede Figur hat eine eigene Geschichte und entwickelt sich während der Geschichte. Auch historische Persönlichkeiten, wie z.B. Otto Graf von Bismarck, wurden in diesem Buch greifbarer.
Von den historischen Persönlichkeiten hat es mir vor allem Katharine Weißgerber, ein Dienstmädchen von der Saar, angetan: Sie muss eine wunderbare, starke Frau gewesen sein.

Die Sprache von Maria W. Peter ist sehr bild- und lebhaft. Stellenweise hatte ich das Gefühl, dabei zu sein, die Schreie der Soldaten zu hören und spürte die Verzweiflung sowie die körperlichen und seelischen Verletzungen der Figuren. Die Autorin führt uns das Grauen des Krieges, bei dem es nicht mehr Mann gegen Mann ging, so genau vor Augen, dass ich das Buch teilweise zur Seite legen und durchatmen musste. Aber das Buch zeigt auch, dass es, wie grausam die Zeit auch war, immer wieder Hoffnung gab. Und auch Menschen, die sich das Mensch-sein bewahrt haben.

Das große Thema des Romans ist der Deutsch- Französische Krieg von 1870 bis 1871. Auslöser des Konflikts war der Streit zwischen Frankreich und Preußen um die Frage der spanischen Thronkandidatur des Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen.
Da der Haupthandlungsort die lothringische Stadt Metz ist, wird in diesem Buch klar, wie dieser Krieg das Leben der Menschen in den Grenzregionen verändert hat. Aus Freunden wurden plötzlich Feinde, Menschen auseinander gerissen und viele Bewohner verloren nach Ende des Krieges ihre Identität. Mir wurde klar, wie sehr sich der weitere Verlauf der Geschichte eigentlich auf diesen Krieg zurückführen lässt.
Maria W. Peter beschreibt den Beginn und Verlauf des Krieges so eindringlich, ich konnte durch den Roman einige Bildungslücken schließen.
Außerdem zeigt Maria W. Peter auch das Schicksal algerischer Muslime, die fern ihrer Heimat von Frankreich für den Kriegsdienst verpflichtet wurden. Es wird klar, wie der Kolonialismus Frankreichs in diesen Ländern seine, teils grausamen, Spuren hinterlassen hat.
Im Geschichtsunterricht endete der Deutsch-Französische Krieg immer mit der Kapitulation Frankreich und den Versailler Vorverträgen. Maria W. Peter hat mir gezeigt, dass es aber, vor allem in Paris, noch lange dauerte, bis tatsächlich Frieden hergestellt war.

Zahlreiche Denkmäler in verschiedenen Städten erinnern heute noch an diesen Krieg. Auch in meiner Heimatstadt steht eines, das sogenannte „Siegesdenkmal“. Ich habe mir das Denkmal etwas genauer angeschaut:

Das Cover und der Titel des Buches suggerieren, dass in diesem Buch eine Liebesgeschichte im Vordergrund steht. Dem ist aber nicht so. Ich würde das Buch eher in dem Genre ‚Kriegsroman‘ sehen, bei dem die Liebe eine Rolle spielt – aber nicht die Hauptrolle.
Ein ausführliches Nachwort rundet den Roman perfekt ab.

Fazit: Ein starker Roman, der so manche Bildungslücke schließt und einen mal wieder dankbar dafür sein lässt, in friedlichen Zeiten zu leben. Ein Buch mit starken Charakteren, die ich nicht mehr vergessen werde.

Bemerkung: „Das Buch habe ich freundlicherweise von der Lübbe Verlagsgruppe als Rezensionsexemplar erhalten – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.

„Sommergäste“

von Agnes Krup

Erschienen am 02. Juni 2020 im Piper Verlag
ISBN: 978-3492059145
https://www.piper.de/buecher/sommergaeste-isbn-978-3-492-05914-5

Das Buch „Sommergäste“ von Agnes Krup erzählt die Geschichte zweier Frauen und eines Ornithologen und spielt von 1912 bis 1948, in Kanada, den USA, Europa und Afrika.

Coverrechte: Piper Verlag

Der Prolog des Buches setzt im Jahr 1925 an: Eine abgeschiedene Insel vor der kanadischen Atlantikküste – hier lernen wir den einheimischen Ornithologen Crawford Maker kennen.
Wenig später landen die Bildhauerin Ellen Sinclair und die Schriftstellerin Charlotte Overbeck auf der Insel – sie möchten ihr neues Sommerhaus auf der Insel einrichten um dort die zukünftigen Sommer zu verbringen.
Die Wege von Crawford, Ellen und Charlotte kreuzen sich noch am Hafen. Bei Ellen hinterlässt der von Crawford geschossene Albatros, den er bei sich trägt, großen Eindruck. Ellen und Crawford verabreden sich für den nächsten Tag, um den Vogel zu präparieren. Ellen erinnert sich zurück als sie als Bildhauerin erfolgreich war – was sie für Charlotte aufgegeben hat. In ihr erwacht die Sehnsucht, auch wieder ein eigenes Leben zu führen, ihre Träume zu leben. Immer wieder geht das Buch in die Vergangenheit zurück und zeigt, wie sich Ellen und Charlotte im Jahr 1912 kennengelernt haben und warum Ellen ihr Leben so verändert hat.
Der Albatros öffnet nun für alle drei eine ungeahnte Möglichkeit: Es geht auf eine Expedition nach Belgisch-Kongo, dort sollen sie für das Naturkundemuseum in Chicago einen äußerst seltenen afrikanischen Vogel finden. Diese Expedition entwickelt sich für Ellen zu einer Reise zu sich selbst und stellt sie vor eine Entscheidung.

Im März 2020 habe ich eine Online-Lesung von Agnes Krup auf Facebook verfolgt. Dort las sie zwar aus ihrem Debütroman „Mit der Flut“ (die Rezension findet ihr hier), aber sie erzählte auch von ihrem zweiten Roman „Sommergäste“. Mein Interesse war zusätzlich nach Lesens des Klappentextes geweckt, da ich die Zeit, in der das Buch spielt, sehr spannend finde und Vögel als sehr faszinierende Wesen empfinde . Die Autorin und ich kamen in Kontakt und sie bot mir an, dass mir der Verlag bei Erscheinen ein Exemplar des Romans zukommen lassen könnte.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Autorin und an den Piper Verlag für die Zusendung des Buches als Rezensionsexemplar.

Kann man eine Figur mögen, die am direkt am Anfang des Buches einen wunderschönen und majestätischen Vogel erschießt? Ich tat mir im Prolog echt schwer mit der Figur des Crawford Maker, da ich nicht verstehen konnte, warum er den Vogel erschießt. Das wird dann aber immer klarer und auch verständlicher – und ich konnte mich auf die Figur einlassen. Anfangs wirkte er sehr verschlossen, als er dann aber Ellen kennen lernt und ihr das Präparieren von Vögeln erklärt und damit auch etwas in Ellens Innerem weckt, wurde er mir sympathischer. Er ist ein Ornithologe, vor allem aber ist er ein Künstler.
Auch Ellen ist eine Künstlerin, eine begabte Bildhauerin, die aber für ihre Partnerin Charlotte ihr künstlerisches Leben aufgegeben hat. Charlotte ist eine preisgekrönte Schriftstellerin, die ohne Ellen im Chaos versinken würde. Ellen hat mit ihrer Familie gebrochen und ohne Charlotte nicht wüsste, wohin sie gehört. Ellen gehört zu Charlotte und Charlotte gehört zu Ellen. Doch in Ellen wachsen Zweifel: Sie arbeitet für Charlotte, tippt ihre Briefe, erledigt viele Arbeiten für sie im Hintergrund, wird aber gesellschaftlich nicht (mehr) wahrgenommen.
Die Reise ins ferne Belgisch-Kongo stellt die drei vor große Aufgaben und Entscheidungen. Hier wird Ellen, auch durch Impulse von Crawford, einiges klar, erkennt, was sie in ihrem Leben vermisst.
Agnes Krup hat sehr feine, authentische Charaktere geschaffen, die sich während der Geschichte wunderbar entwickeln. Vor allem Ellen zeigt eine große Entwicklung. Durch die Rückblenden erfährt der Leser immer, wie es zu dem kam, wie Charlotte und Ellen sich kennengelernt haben und warum es auch zu manchen Eifersüchteleien kommt.
Eine Figur, die mir, neben den Hauptfiguren, sehr im Gedächtnis bleiben wird, ist der junge Ronnie Beale. Er spielt zwar nur am Rande eine Rolle, bringt aber in die Geschichte nochmal so viel Leben. Seine erst kindliche Sicht auf die Dinge zauberte mir öfters ein Lächeln ins Gesicht. Später versucht er dann als Jugendlicher seinen Weg im Leben zu finden.
Alles in allem ist die Anzahl der Figuren sehr überschaubar gehalten, was ich als sehr angenehm empfand, da sich die Figuren so gut entfalten konnten und man ihnen gut folgen konnte.

Ein großes Thema ist das Verhältnis von Charlotte und Ellen: Wie sehr sich Ellen eigentlich verbiegt, was sie alles für diese Freundschaft aufgibt – es aber immer wieder versucht, vor anderen, aber auch vor sich selbst zu rechtfertigen. Stellenweise tat mir Ellen einfach so leid, da sie zu sich selbst nicht mehr ehrlich war, sich selbst vergessen hat. Aber: Hatte sie eigentlich eine andere Möglichkeit? Charlotte und Ellen verbindet etwas, sie sind eigentlich eine gute Lebensgemeinschaft. Oft hatte ich aber das Gefühl, dass Ellen viel mehr in diese Beziehung gibt, als Charlotte. Eine Szene ist mir besonders im Kopf geblieben: Ellen schlich sich schon fast heimlich zu Crawford Maker und traut sich auch nicht, Charlotte von ihren Erlebnissen und Eindrücken bei ihm zu berichten. Aus Angst, Charlotte zu verärgern, sie vielleicht auch zu verlieren?
Das Buch zeigt aber auch das Verhältnis der Menschen zur Natur, wie der Mensch die Natur erforschen wollte und der Entdeckergeist geweckt wurde. Einerseits wurde die Natur entdeckt, ganz oft wurde aber auch deutlich, wie wenig der Mensch sich aus Tieren machte, z.B. bei der Jagd nach Wildtieren in Afrika. Hier zählte das tote Tier als Trophäe.
Die Präparation der Vögel wird sehr detailliert beschrieben – hier merkt man, wie viel, und wie gut Agnes Krup für ihren Roman recherchiert hat.

Den Hintergrund des Buches bilden die Jahre von 1912 bis 1948: Eine Zeit, in der zwei Weltkriege stattfanden, die die Welt sich komplett veränderten.
Aber auch der Kolonialismus in Afrika ist ein Thema, welchem sich die Autorin annimmt. Es wird deutlich, wie sehr sich dieser Kontinent mit dem Kolonialismus verändert hat.
„Sommergäste“ erzählt keine große Weltgeschichte, sondern die Geschichte der Menschen. Ähnlich wie bei „Mit der Flut“ zeigt uns die Autorin mehr, wie die Menschen damals ihre Welt wahrgenommen haben, wie sie gelebt haben, was sie gedacht, wie sie gefühlt und geliebt haben.
Der Roman ist angelehnt an die Biographien der Schriftstellerin Willa Cather und des Ornithologen Allan Moses.

Die Sprache in dem Buch ist sehr einfühlsam, detailliert und bildhaft. Ich konnte mir die Handlungsorte immer wunderbar vorstellen: Auf der abgelegenen Insel vor Kanada spürte ich das raue Seeklima und bei der Expedition nach Belgisch-Kongo die andere Kultur und die große Hitze.

Agnes Krup hat mit „Sommergäste“ ein Buch geschrieben, welches mich restlos begeistert hat. 36 Jahre umfasst die Handlung und führt uns zu vielen verschiedenen Schauplätzen. Mit einer wunderbar bildhaften Sprache ist das Buch eine Kleinod an Gefühlen und fantastischen Eindrücken. Viele Details zum Thema Präparation von Tieren runden das Buch perfekt ab.
Ich habe mich bestens unterhalten gefühlt und kann euch dieses Buch nur empfehlen.

Fazit: Ein fantastischer, bildgewaltiger Roman, der im Gedächtnis bleiben wird.

Anmerkung: Ich habe das Buch freundlicherweise vom Piper Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.


„Der Turm aus Licht“

von Astrid Fritz

Erschienen am 19.Mai 2020 im Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3499001192
https://www.rowohlt.de/taschenbuch/astrid-fritz-der-turm-aus-licht.html

Hinweis: Alle angeführten Zitate beziehen sich auf die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe.

Das Buch „Der Turm aus Licht“ von Astrid Fritz erstreckt sich über eine Zeitspanne von 60 Jahren und zeigt den Bau des Freiburger Münsters im 13. und 14. Jahrhundert.

Coverrechte: Rowohlt Verlag

Freiburg im Breisgau, im Jahre 1270: Gerhard von Straßburg kommt als neuer Baumeister in die Stadt. Sein großes Ziel ist es, den Bau des Freiburger Münsters voran zu bringen. Euphorisch, und mit viel Unterstützung des Neuen Rats beginnt er sein Werk. Doch nach dem Tod des alten Grafen Konrad I., der dem Bau und den Bürgern der Stadt wohlgesonnen war, wird mit der Herrschaft seines Sohnes Graf Egino II. alles schwieriger: Immer wieder facht er neue, kostspielige Kriege an, gegen den König aber auch gegen die Freiburger selbst.
Immer wieder müssen die Freiburger Räte, die Baumeister und die Bevölkerung für den Weiterbau kämpfen, das Leben von Baumeister Gerhard reicht nicht aus, um das Werk zu vollenden.
Mit Baumeister Heinrich aus Straßburg und dem Steinmetzen Josef kommt die nächste Generation der Baumeister nach Freiburg. Doch der Weg zu einem fertigen Münster ist lang und steinig und auch im Leben der Erbauer des Münsters geht es drunter und drüber.

Mit dem Buch „Die Hexe von Freiburg“ von Astrid Fritz begann meine Liebe zu Historischen Romanen. Sie zeigte mir, dass Geschichte nicht nur Daten sind, sondern Geschichte überall und lebendig ist. Seit diesem Buch sah ich meine Heimatstadt Freiburg mit anderen Augen.
Ende des letzten Jahres entdeckte ich auf ihrer Homepage den Hinweis, dass im Mai 2020 ein neues Buch mit dem Titel „Der Turm aus Licht“ veröffentlicht wird. Ein Buch, welches in Freiburg angesiedelt ist und über den Bau des Münsters erzählt. Da waren meine Neugier und Vorfreude gleich geweckt – das Buch musste ich unbedingt lesen.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Rowohlt Verlag für die Zusendung des Buches als Rezensionsexemplar in Form eines eBooks.

Der Einstieg in das Buch fiel mir sehr leicht: Wenn ich Namen wie „Martinstor“ oder „Große Gas‘“ lese, habe ich gleich Bilder vor Augen, weiß, wo sich die Figuren aufhalten und wie es dort aussieht. Aber auch ohne die Ortskenntnisse, nimmt uns Astrid Fritz mit ihrer starken und atmosphärischen Sprache gleich mit in die Geschichte.
Am Anfang schreckte mich das sehr umfangreiche Namensregister etwas ab. So viele Namen, so viele Personen. Das Buch hat aber auch fast 800 Seiten, erstreckt sich über 60 Jahre, damit kommen eben auch viele Personen zusammen. Ich kann in meiner Rezension nur auf einen Bruchteil der Charaktere eingehen, da es hier ansonsten den Rahmen sprengen und auch viel von der Handlung vorweg nehmen würde.
Astrid Fritz beschreibt ihre Figuren nicht sehr ausgiebig, lässt diese eher in Situationen agieren, dadurch kann sich der Leser ein gutes Bild machen. Anfangs lernt man den Baumeister Gerhard, seine Frau und seine Truppe Steinmetze kennen. Wirkt dieser Baumeister am Anfang etwas griesgrämig und eher unzufrieden, wird er im Laufe der Handlung immer sympathischer und euphorischer. Auch seine Frau Odilia, die im Gegensatz zu Gerhard nicht historisch belegt ist, habe ich gleich ins Herz geschlossen. Sie ist ein herzensguter und ehrlicher Charakter.
Über das Baumeister-Paar lernt man dann immer mehr Charaktere kennen. Hier sind besonders der fiktive Kaufmann Ulrich Wohlleb, seine Frau Anna und der Sohn Anselm zu nennen. Ulrich Wohlleb sitzt im Neuen Rat (ein Rat, der im 13. Jahrhundert entstand und aus jährlich neu gewählten Bürgern bestand und damit den Alten Rat der auf Lebenszeit gewählten Patrizier ergänzte). Dieser Neue Rat unterstützte den Bau des Freiburger Münsters, war aber auch gegen die kostspielige Kriegstreiberei des Grafen Egino II., wodurch es zu großen Konflikten mit der Grafenfamilie kam.
Der Alltag auf der Burg unter der Herrschaft Egino wird vor allem an dem fiktiven Charakter Hannes Kirchbeck beschrieben. Als Junge wird er auf die Burg gebracht und fängt dort in der Burgbäckerei an. Er ist ein fleißiger Junge und arbeitet sich schnell hoch. Doch als er sein Herz an die junge Burgmagd Marie verliert, muss er lernen, was für Rechte sich die Grafen selbst nehmen. Hannes macht in diesem Buch eine sehr heftige Wandlung durch. Seine Tochter Thea entwickelt sich zu eine der Haupfiguren des zweiten Teils des Buches.
Ein Charakter, der mir sehr ans Herz gewachsen ist, ist der junge Stadthirte Jecklin. Ein zutiefst zerrissener Charakter, der mir mit seiner Geschichte sehr nahe gegangen ist, auch wenn diese nicht historisch belegt ist.
Auch die anderen Figuren in diesem Buch sind alle sehr lebensecht gezeichnet, historisch belegte und fiktive Figuren werden unter der Feder von Astrid Fritz lebendig. Aus Namen werden Figuren mit vielen Eigenheiten und Erlebnissen, jeder Charakter hat Ecken und Kanten. Es mangelt in diesem Buch nicht an starken Frauenfiguren, die in die Geschichte Wärme bringen, leider aber zu dieser Zeit nicht viel zu sagen hatten, was immer wieder deutlich klar wird.
Anhand einzelner, wenn auch teilweise fiktiven, Lebensgeschichten wird große Geschichte erzählt und damit greif- und erfahrbar.

Zur Handlung: Der Roman hat einen recht großen zeitlichen Handlungsraum, insgesamt 60 Jahre, ich konnte trotzdem gut folgen.
Allerdings störte mich, dass viele Ereignisse im Nachgang erzählt wurden – z.B. wurde der Tod einer wichtigen und sympathischen Figur in einem Absatz rückblickend erzählt. Leider ist das bei diesem Buch oft der Fall, was wahrscheinlich an dem Umfang der Ereignisse liegt. Ganz oft gibt es große Zeitsprünge zwischen den Kapiteln, teilweise über mehrere Jahre hinweg. Das störte mitunter meinen Lesefluss und auch die Atmosphäre in dem Buch.

Den geschichtlichen Hintergrund bildet Freiburg im Breisgau des 13. und 14. Jahrhundert. Man merkt, wie sehr und intensiv Astrid Fritz recherchiert hat, aber auch, wie sehr sie sich in in Freiburg und mit der Geschichte dieser Stadt auskennt.
Der Bau des Freiburger Münsters erstreckte sich über 350 Jahre – das Buch deckt davon gerade einmal 60 Jahre ab. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass es den Bau und die Architektur des Münsters dem Leser so viel näher bringt. Mit welch einfachen Mitteln und Elan die Menschen damals etwas für die Ewigkeit geschaffen haben, welche Menschen hinter diesem fantastischen Bau standen.

© poocy

Der Turm wird sich weit, weit höher in den Himmel recken, als ursprünglich gedacht. Dabei verwandelt sich der Unterbau scheinbar wie von selbst in ein Achteck, und das in aller Zierlichkeit und Leichtigkeit. Dieses Achteck wiederum geht über in einen Turmhelm, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat, einen durchbrochenen Helm aus nichts als himmelwärts strebende Rippen und Maßwerk, von Licht und Luft durchwirkt.“ [Seite 371, Zeilen 22-29]


Der Konflikt und die Spaltung zwischen dem Grafen Egino II. mit der Freiburger Bevölkerung ist verständlich erklärt und fließt gut in die Handlung der Geschichte ein. Dadurch das der Bau des Münsters allein durch Spenden der Bevölkerung bewerkstelligt wurde, nimmt das Freiburger eine besondere Stellung unter den Kathedralen in Europa ein.
Seit dem Erscheinen von „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett gibt es viele Bücher, die sich mit dem Bau von Kathedralen beschäftigen. „Der Turm aus Licht“ ist aber kein Abklatsch dieses Buches, auch wenn es in beiden Büchern um den Bau einer Kathedrale geht.
Doch auch wenn das Münster im Mittelpunkt der Handlung steht, erfährt man auch einiges aus der Geschichte der Stadt und der Region.

Konrad I. Graf von Freiburg (1226 – 1271), den Bürgern und dem Bau des Münsters wohlgesonnen.
Sein Sohn Egino II. Graf von Freiburg, als Verschwender und Kriegstreiber bei den Freiburgern verhasst.

Das Buch „Der Turm aus Licht“ bietet einen guten und authentischen Einblick in einen wichtigen Teil der Freiburger Stadtgeschichte. Auch wenn vieles rückblickend erzählt wurde, was sehr schade ist, fühlte ich mich mit dem Buch bestens unterhalten. Die Vielzahl der lebensechten Charaktere machten das Buch zu einem großen Lesevergnügen.

Fazit: Ein großes Lesevergnügen. Spannende Unterhaltung mit vielen Charakteren und einem guten Einblick in die Geschichte und Architektur des Freiburger Münsters.

Bemerkung: Das Buch habe ich freundlicherweise vom Rowohlt Verlag als Rezensionsexempar in Form des eBooks zur Verfügung gestellt bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.

„Fräulein Gold – Schatten und Licht“

von Anne Stern

eBook erschienen am 01.Juni 2020, das Paperback Taschenbuch erschien am 16.06.2020 im Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3499004278
https://www.rowohlt.de/buch/anne-stern-fraeulein-gold-schatten-und-licht.html

Das Buch „Fräulein Gold – Schatten und Licht“ von Anne Stern ist der packende Auftakt einer Trilogie um die Hebamme Hulda Gold, die im Berlin der 1920er Jahre auf der Suche nach sich selbst und einem Mörder ist.

Coverrechte: Rowohlt Verlag

Zum Inhalt:
Berlin, im Elendsviertel Bülowbogen, Ende Mai 1922: Ein Mord geschieht, doch die Polizei geht von einem tragischen Suizid der älteren Prostituierten Rita aus.
Doch die junge und engagierte Hebamme Hulda, die in diesem Elendsviertel einen guten Ruf hat, sieht das anders und stürzt sich in Nachforschungen um das Leben der „fixen Rita“. Sie findet schnell heraus, dass der leitende Kriminalkommissar Karl North etwas verheimlicht, gleichzeitig aber auch ein eher ungewöhnlich starkes Interesse an dem Fall zeigt.

Auf das Buch bin ich durch eine Ankündigung der Autorin auf ihrer Facebook-Seite aufmerksam geworden. Das Cover und die Zeit, in der das Buch spielt, weckten sofort mein Interesse. Berlin übt auf mich eine große Faszination aus, vor allem aber auch die 1920er Jahre in dieser Metropole. Eine Zeit, in der Glanz und Elend so nah beieinander lagen – die Goldenen Zwanziger.
Außerdem habe ich von Anne Stern schon die beiden Bücher „Die Frauen vom Karlsplatz – Auguste“ und „Das Lied der Seiltänzerin“ mit großer Begeisterung gelesen.
Als mich die Autorin fragte, ob sie mich auf eine Bloggerliste für ihren neuen Roman setzen darf, musste ich nicht lange überlegen.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Rowohlt Polaris Verlag für die Zusendung des Leseexemplars.

Von der ersten Seite an war ich in der Geschichte angekommen, die Spannung baute sich sehr schnell auf und ich wollte das Buch nur noch ungern aus der Hand legen.
Die Anzahl der Figuren ist überschaubar gehalten, was ich als äußerst positiv empfand. So konnte sich jeder Charakter gut entfalten und ich hatte das Gefühl, dass mir die Figuren nochmal viel näher kamen.
Hulda Gold, die Titelfigur, ist einer der interessantesten fiktiven Charaktere, die ich in meiner Leselaufbahn kennen lernen durfte. Sie ist einerseits von ihrer Arbeit in dem Elendsviertel Bülowbogen völlig ausgefüllt und hat dort ihre Bestimmung gefunden. Sie hadert aber immer wieder mit sich und ihrem privaten Leben. Sie hat ihren Weg im Leben noch nicht gefunden, wirkt wie ein kleines verlorenes Schifflein auf dem großen Meer. Da ist die selbstsichere Hebamme Hulda, die ängstliche Frauen ruhig und besonnen durch Geburten führt, aber da ist auch die Hulda, die sich im Berliner Nachtleben im Rauschzustand berauben lässt. Aber eines ist sie immer: Eine starke Frau, die für ihre Überzeugungen und gegen das Unrecht gegenüber anderen Menschen vorgeht. Leider vergisst sie sich dabei oft selbst. Hulda ist so lebensnah, so authentisch gezeichnet. Teilweise konnte ich mich selbst in ihr sehen. Sie ist so herrlich unperfekt.
Eine andere Figur ist der Kriminalkommissar Karl North. Anfangs noch sehr distanziert und in sich gekehrt, wird er durch seine tragische Geschichte immer lebendiger und greifbarer.
Am Rande agieren unter anderem Huldas Vermieterin Frau Wunderlich und der Kioskverkäufer Bert. Die Beiden sind Figuren, die man einfach von der ersten Seite an gerne hat. Ich hatte gleich ein Bild von Beiden im Kopf und hatte so eine Freude daran, immer wieder weiter über sie zu lesen. Huldas Ex-Freund Felix ist eine Figur, die viele Facetten aufweist. Ein zutiefst verunsicherter Mann, der mit Hulda abschließen will, es aber nicht wirklich kann.
Die Sprache von Anne Stern ist ein wahres Geschenk: Poetisch, kraftvoll aber auch sanft. Sie führt uns mit ihrer bildhaften Sprache das Elend in dieser Zeit genau so vor Augen, wie auch den Glanz dieser Zeit. Ich fühlte mich beim Lesen komplett in die 1920er Jahre zurückversetzt. Ich spürte die Musik in den Clubs und konnte mir alles bildlich vorstellen.

Den Hintergrund des Romans bilden die 1920er Jahre in Berlin. Der Erste Weltkrieg hat seine Spuren hinterlassen: Armut in vielen Vierteln und auch der Unglaube der Bevölkerung an die Demokratie und damit die Wut auf die noch junge Weimarer Republik bilden den Alltag vieler Menschen.
Die Menschen hatten große Hoffnungen, dass es in einer Demokratie nur besser werden kann, nun fühlen sich viele Menschen belogen und betrogen. Ganz deutlich wird der Zwist zwischen Aufbruchsstimmung und bitterer Armut dargestellt. Auch die aufstrebende organisierte Kriminalität spielt eine große Rolle.
Aber nicht nur in den Städten hat der Krieg seine grausamen Spuren hinterlassen: Auch an, teils sehr jungen, Männern, die als sogenannte „Kriegszitterer“ aus dem Krieg zurück kamen: Männer, die äußerlich unversehrt waren, innerlich aber nicht. Es hat mich zutiefst schockiert, wie die Gesellschaft auf diese Männer reagierte, vor allem aber wie Ärzte mit diesen Männern umgegangen sind.

Anne Stern hat mit dem Buch „Fräulein Gold – Schatten und Licht“ ein authentisches und starkes Buch mit vielschichtigen und spannenden Charakteren geschrieben. Eine lebensechte Hauptfigur vor einem fein recherchierten geschichtlichen Hintergrund – hier werden die Goldenen Zwanziger mit all ihren Facetten wieder lebendig. Ein fantastischer Auftakt.
Ich freue mich schon so sehr auf den zweiten Teil „Fräulein Gold – Scheunenkinder“, der im Oktober 2020 und auf den dritten Teil „Fräulein Gold – Der Himmel über der Stadt“, der im April 2021 erscheinen soll.

Fazit: Ein Buch mit Sogwirkung – man möchte es nicht mehr aus den Händen legen. Mein bisheriges Jahreshighlight. Lesenswert!

Anmerkung: Das Buch habe ich freundlicherweise vom Rowohlt Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst!


„Mit der Flut“

von Agnes Krup

Erschienen am 02. Oktober 2017 (Gebundene Ausgabe) und am 01. März 2019 (Taschenbuch)
ISBN: 978-3492058421 (Gebundene Ausgabe) und 978-3492314091 (Taschenbuch)
https://www.piper.de/buecher/mit-der-flut-isbn-978-3-492-31409-1

Das Buch „Mit der Flut“ von Agnes Krup erzählt die Geschichte des jungen Paul, der in den 1920er mutterseelenallein von Hamburg nach New York auswandert und mit großem Ehrgeiz versucht, dort sein eigenes Leben aufzubauen.

Coverrechte: Piper Verlag

Zum Inhalt:
Paul Benitt, ein junger und abenteuerlustiger Mann, wächst in beengten Familienverhältnissen in Finkenwerder bei Hamburg auf. Der elterliche Obsthof wird an seinen älteren Bruder Hein gehen, der andere Bruder Johann ist Lehrer. Somit haben seine Brüder ihren Platz im Leben gefunden. Paul beginnt eine Tischlerlehre. Schon früh merkt er, dass er nach dieser Lehre Finkenwerder verlassen möchte, um sich, fernab der Familie, ein eigenes Leben aufzubauen.
Ein paar Jahre später fährt er als Blinder Passagier Richtung New York, macht aber auf dem Schiff erste Erfahrungen in Sachen Medizin. Ein Wunsch beginnt in ihm zu wachsen, der ihn noch Jahre beschäftigen wird.
In New York angekommen, ist er von der Größe der Stadt schier erschlagen, schafft es aber, Fuß zu fassen. Neben einem Job in einer Tischlerei bekommt er auch eine kleine Dachwohnung. Er lernt die junge Antonia, eine italienische Einwanderin, kennen und lieben. Aber Paul möchte sich nicht mit diesem einfachen Leben zufriedengeben – sein großer Traum ist ein Medizinstudium. Da es in den USA unbezahlbar ist, kehrt er auf Anraten seiner Mutter wieder nach Deutschland zurück. Antonia bleibt in New York, aber Paul will wieder schnellst möglichst zurück sein. Doch dann zieht der Zweite Weltkrieg über die Welt und macht die Pläne auf ein baldiges Wiedersehen zunichte.

Ich muss gestehen, dass dieses Buch an mir vorbeigegangen ist. Per Zufall sah ich auf Facebook eine Live-Lesung von Agnes Krup mit diesem Buch und war von der sehr atmosphärischen und dichten Sprache sehr beeindruckt. Auch die vorgelesenen Passagen machten mich sehr neugierig auf das Buch. Die Autorin bot mir an, mir ein Exemplar zukommen zu lassen.
An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Autorin Agnes Krup für die Zusendung des Buches. Ich habe mich wirklich so sehr gefreut.

Das Buch bietet einen schnellen Einstieg in die Handlung der Geschichte. Der Prolog beginnt im Jahr 1969 in New Paltz, in einer Zeit, in der Paul auf sein bisheriges Leben zurückschaut. In diesem Prolog lernte ich schon einige wichtige Personen kennen, deren Handlungen mich neugierig machten, wie es dazu kam und wer sie überhaupt genau sind.
Nach dem Prolog geht das Buch ins Jahr 1920 zurück, wir lernen zuerst den jungen Paul kennen, ein abenteuerlustiger und gewitzter Junge. Im Laufe der Handlung macht er eine eher negative Entwicklung durch. Anfangs ist er sehr ehrgeizig, wird dann aber immer rastloser dann aber auch doch sehr bequem und egoistisch. Er denkt sehr oft nur an sich selbst, kann aber trotzdem nicht alleine sein. Er braucht immer Menschen, vor allem Frauen, um sich.
Pauls Familie ist eher schwierig zu durchschauen, allen voran Pauls Mutter. Sie wirkt sehr abweisend und hart. Seit Paul dann in einer Nacht und Nebel-Aktion abgehauen ist, ist sie noch spröder und lässt viele Menschen nicht an sich und ihre Familie ran – den Verlust ihren Lieblingssohnes kann sie sich und den anderen Menschen um sich herum nicht verziehen. Sie zeigt aber auch, wie berechnend sie ist, ihr kann niemand etwas vor machen. Sie schießt klare Worte wie kleine Pfeile ab, ganz egal, wie verletzend sie auch sein mögen.
Die anderen Charaktere der Familie Benitt sind ebenfalls schwierige Kameraden. Sie lassen selten Gefühle zu, sind stark vom Krieg gebeutelt und müssen irgendwie überleben. Nicht leben sondern überleben. Vor allem die angeheirateten Frauen in der Familie müssen oft nur funktionieren.
Einzig Johann, der ältere Bruder von Paul, und Johanns Tochter Hella stechen aus diesen Charakteren mit ihren Gedanken und Handlungen hervor. Aber auch Pauls Verlobte Antonia bringt einige Sympathien mit sich und damit Farbe in den Alltag der Familie Benitt. Antonia muss im Laufe der Geschichte einiges durchmachen, hat ihr Herz aber am rechten Fleck, lässt sich aber auch etwas von Paul und seiner Familie ausnutzen. Antonias Familie scheint das komplette Gegenteil zu Pauls Familie: Hier wird miteinander über Gefühle und Befinden geredet. In Pauls Familie machen fast alle Familienmitglieder Probleme mit sich selbst aus, Verständnis für andere und gemeinsames Lachen gibt es wenig. Dieser Kontrast zwischen diesen zwei Familien hat Agnes Krup äußerst gut heraus gearbeitet. Enge, strenge und auch ärmliche Familienverhältnisse im Gegensatz zu liebevollen und geborgenen Familienverhältnissen. In diese Gegensätze gerät Antonia.
Auch Figuren, die sehr am Rande mitspielen, sind sehr lebendig gezeichnet. Immer wieder sprechen die Figuren Plattdeutsch, welches sehr authentisch wirkt und mich damit noch mehr in die Geschichte und den Handlungsort mit hinein nehmen konnte.
Dank der dichten, bildhaften und poetischen Sprache von Agnes Krup, auch in Form vieler Briefe, konnte ich mich ganz in die Geschichte fallen lassen und verspürte auf keiner Seite Langeweile. Teilweise beschäftigten mich die Figuren auch in meinen Träumen.
Am Ende des Buches sind wir dann wieder im Jahr 1969 in New Paltz.

Der geschichtliche Hintergrund ist vor allem die Zeit vor, während und nach des Zweiten Weltkrieges. Agnes Krup zeigt nicht, was alles in dieser Zeit an Weltgeschichte passierte, sie zeigt eher, was der Krieg mit den einzelnen Menschen gemacht hat. Wie sie versucht haben, mit einfachen Mitteln zu überleben und wie der Krieg ihr Leben verändert hat.
Die Emigration vieler Europäer in die verheißungsvollen USA macht auch ein großes Thema aus – auch wenn sich „Mit der Flut“ sehr positiv zu den typischen Auswandergeschichten abhebt. Paul kommt nicht in New York an und ihm fällt auch nicht alles in den Schoss – er muss für seinen Traum hart kämpfen und immer wieder zurückstecken, sogar wieder in seine alte Heimat zurückkehren. Es ist keine typische „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ – Geschichte. Das empfand ich als sehr authentisch.

Agnes Krup hat ein Buch geschrieben, welches ich im Kopf behalten werde. Tolle, lebensechte Charaktere, die es einem nicht immer leicht gemacht haben und ein fein recherchierter geschichtlicher Hintergrund. Dazu eine starke poetische und bildhafte Sprache – was will man als Leser mehr? Ich bin so froh, dass ich dieses Buch gelesen habe.

Fazit: Ein ganz starker, kraftvoller und poetischer Roman.

Anmerkung: Dieses Buch habe ich von der Autorin geschenkt bekommen – es hat meine Meinung aber nicht beeinflusst.